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X/Y/Z (365 mal Gott-Lexikon) Drucken
Weihnachten
Nicht aus biblischer, sondern aus indoeuropäischer Tradition
Das heutige Weihnachtsfest des Westens begründet sich keineswegs direkt aus biblischen Traditionen. Es entstand aus römisch-germanischem bzw. indoeuropäischem Selbstverständnis heraus. Vielleicht steht auch das ägyptische Serapisfest mit Pate, das vom 4. bis 6. Januar als Licherfest gefeiert wurde.
Christlich gedeutet
Im Rahmen der weltweit traditionell vorgegebenen 12 Heiligen Tage vom 25.12. bis 6.1. wurden die neuen christlichen Erfahrungen eingebracht. In den heidnischen Traditionen spielt die Lichtsymbolik eine große Rolle. Das Lichtsymbol wird nun christlich gedeutet: „In der tiefsten Dunkelheit bricht Gottes Licht neu auf. Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages.“ Mit der Heiligen Nacht, dem Anfang des 25. 12., beginnt dieses Gotteswunder, das Jahr für Jahr neu gefeiert wird, das gemäß der lukanischen Vorgeschichte in Bethlehem begann. Daran will unser westliches Weihnachten erinnern.
Ostkirche
Die Ostkirche feiert Weihnachten am Ende dieser Heiligen Tage, am 7. Januar. Für sie ist nicht, wie wir für uns Westler, Lk 2,1ff. als biblischer Hintergrund maßgebend, sondern Jesu Taufe und Verklärung (Mk 1,2-11; 9,2-8). Gefeiert wird nämlich nicht der Geburtstag Jesu, der bleibt unbekannt. Gefeiert wird, dass Jesus auf der Erde erschien. Darum bilden auch Taufe und Verklärung Jesu weiterhin den Hintergrund dieses Festes. Die Verschiebung auf den 7. Januar hängt aber nicht nur an Inhalten, sondern am Kalender.
Julianischer und Gregorianischer Kalender
Die russische und serbische Orthodoxie hält in ihrer kirchlichen Praxis am Julianischen Kalender fest, der gegenüber dem Gregorianischen inzwischen um 12 Tage im Rückstand ist. Julius Caesar hatte seinerzeit das Sonnenjahr von 365 Tagen von den Ägyptern übernommen, das zum Mondumlauf keine strenge Beziehung hatte. Der Ägyptische Kalender wurde von Julius Caesar in verbesserter Form übernommen. Er fügte statt unregelmäßiger Schalttage, wie sie die Ägypter eingeführt hatten, einen Schalttag alle vier Jahre ein. Die Kalenderreform des Papstes Gregor XIII. im Jahr 1582 verbesserte den Julianischen Kalender nochmals. Diese Verbesserung wurde von der Orthodoxie nicht mit vollzogen, daher die Verschiebung. Gregor ordnete an, dass in allen durch 4 teilbaren Jahren ein Schalttag stattfinden solle, außer in den Säkulumsjahren, deren erste zwei Zahlen nicht durch 4 teilbar sind, als 1700, 1900, 2100. Durch diese Raffinesse wird eine größtmögliche Nähe zum natürlichen Kalender, der durch die Drehung der Erde um die Sonne bestimmt wird, gewährleistet. Das Jahr hat so im Durchschnitt 365,2425 Tage.
Weihnachten in der Orthodoxie
Weil die Russische und die Serbische Orthodoxie am Julianischen Kalender festhalten, wird bis heute Weihnachten am 7. Januar gefeiert. Das Fest der Erscheinung, das eigentliche russische Weihnachtsfest, begeht die Orthodoxie erst am 19. Januar unserer Zeitrechnung, mit der Betonung, wie eh und je, der Tradition des Markus Übrigens schloss sich 1923 die Sowjetunion dem Gregorianischen Kalender an. Heute verschwimmen durch die neuerliche Hinwendung und Öffnung Russlands zum Westen die russischen Traditionen in etwa. Das heißt, es wird Mode, Weihnachten bereits am 24. Dezember gemäß dem Gregorianischen Kalender zu feiern.
Ein heidnischer Romkaiser entscheidet
Zurück zu diesem Datum! Eine große Rolle bei der Festlegung der Weihnachtsdaten (24.12/6.1.) mag im 4. Jhdt. die Entscheidung des Römerkaiser Aurelians gespielt haben, der den Kult der lat. Sol invictus, der Unbesiegbaren Sonne, 274 n. Chr. zum reichsweiten Staatskult zu erheben, der sich an der Feier der Sommer- und Wintersonnwende festmachte. Christliche Autoren hatten bis dato eher an einen Geburtstag Jesus im Frühjahr gedacht, sicher auch aus anderweitigen kultischen Vorerfahrungen heraus.
Das erste große Fest der Christen: Ostern
Sehr lange haben in der Christenheit nicht die Geburt des Messias, sondern sein Tod und seine Auferstehung im Mittelpunkt des religiösen Interesses gestanden, also > Ostern.
Ø    (Z) Weihnachtsgeschichten der Bibel, Vorspann, Vorausentwurf der Zukunft
Ø    Aus den Propheten, Jes 8,21-9,6, 21.12., Aus ersttestamentlichen Ideen
Ø    Aus dem Johannesevangelium, Joh 1,1-18,
Ø    21.12. Wie viele ihn aber aufnahmen, bis 22.12. Er kam in sein Eigentum
Ø    Aus dem Lukasevangelium, Lk 1,1-2,40, 23.12 Der Name Jesu, bis 25.12. Die Weihnachtsgeschichte
Ø    Aus dem Matthäusevangelium, Mt 1,1-2,23, 26.12. Ein aufschlussreicher Stammbaum, bis 28.12. Flucht, Mord, Rückkehr
Ø    Aus den Pastoralbriefen, 1Tim 3,16, 29.12. In einem Satz
Ø    Zwischen den Jahren, Ps 76,1-13; Ps 133,1-3, 30.12. Frieden, bis 31.12. Wunderbar und gut
Ø    Vgl. Epiphanias
    
Wachteln
Ø    Vgl. Manna
    
Weisheitsliteratur
Was wir früher etwas sehr schematisch die Lehrbücher des Alten Testaments nannten, ist eine bunte Zusammenstellung der Weisheitsliteratur Israels. Auch der Titel Poetische Bücher trifft nicht ganz. In diesen Kanon der Weisheitsliteratur gehören Das Buch Hiob, die Psalmen, die Sprüche, der Prediger Salomos, Das Hohelied Salomos. In der hebräischen Bibel wird auch das Buch Ruth hierher gestellt, das in der LXX und so auch in unserer Bibel unter den Geschichtsbüchern zu finden ist; dazu weitere Bücher, die die Protestanten aus der Bibel entfernten, weil sie nicht zum Jüdischen Kanon gehören, die aber gemäß den Traditionen der LXX in der Vulgata, und damit in der katholischen Tradition auftauchen. Diese Literatur, die sogenannten Apokryphen, bzw. mit anderem Titel Pseudepigraphen, enthalten viele Stoffe, die bei der Entwicklung des jüdisch-christlichen Messianismus eine wichtige Rolle spielten.
Ø    (D) Hiob - und mehr, Weisheitsliteratur des Ersten Testaments, Vorspann, Denn seine Güte währet ewiglich
Ø    (E) Lieder für Gott, Die Psalmen, Ps 1,1-150,6, Vorspann, Odem
    
Ysop
Eine an Mauern wachsende kleine Pflanze (1Kön 5,13). Ihre Zweige fanden im Reinigsopfer Verwendung (Ex 12,22; Num 19,6.18), worauf auch der Psalmist anspielt (Ps 51,9). Dem sterbenden Jesus, so Johannes, wird ein Essigschwamm gereicht, der auf einen Ysopstengel gesteckt wurde: Bitteres, das jedoch der Reinigung des Volkes dient, geschieht im Tode Jesu, der mit „Es ist vollbracht!“ sein Leben und das Zeitalter von Schuld und Tod, das vor seiner Osterherrschaft liegt und mit seinem Tode endet, beschließt (Joh 19,29f.).
    
Zahl und Zahlensymbolik in der Bibel
Zahlen
Zahlen sind in den meisten Kulturen Träger einer uns heute nicht immer durchsichtigen symbolhaften Bedeutung. Sie sagen eine göttliche Ordnung an, die das menschliche Zusammenleben regelt. Zugleich spiegelt das Zusammenspiel der Zahlen die Sphärenharmonie, wie es Pythagoras lehrte. Die Gesetzmäßigkeit der mathematischen Zahlenwelt, die sich in den Naturgesetzen widerspiegelt, hat ein Pendant im Gesetz der Liebe, zu dem die Gottheit uns gemäß der Kosmosharmonie aufruft.
Im hebräischen Denken: Befreiung zur Ratio
Im hebr. Denken wird eine Mystik der Zahl zunächst abgelehnt, der Mensch brauche nur Zahlen zu entschlüsseln und schon gewinne er Macht über die Götter, die Zukunft. Die hebr. Religion ist auf die Befreiung des Menschen aus. Geheimlehren und Geheimwissen sind fehl am Platz, die Befreiung des Menschen zur Menschlichkeit ist angesagt. So lassen sich aus dem ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,1ff.), der in Babylon entstand, in dem Land, in dem mit Sternenbildern und Zahlen heftig spekuliert wurde, nur nüchterne kosmische und irdische Entwicklungszusammenhänge ablesen. Die Sternenbilder wiesen die Babylonier zu den Göttern, die Sterne selbst waren Götter. Sternbilder, Wechselmonde und Sonnenauf- und untergänge bilden in antiker Kultur geheimnisvolle Zeichen, aus denen sich bei genügendem Wissen Himmelsrichtungen und Jahreszeiten berechnen ließen. Sie sind in Babylons Religion göttlicher Natur. Es werden aus dem Sternenhimmel nicht nur für den Menschen notwendige Daten wie Tag, Stunde und Himmelsrichtung abgelesen. Die Sterne bestimmen den Schicksalslauf der Welt und des einzelnen Menschen, was viele bis heute glauben. Nach hebräischer Auffassung sind die Gestirne, einschließlich der Sonne und des Mondes, nur Lampen, die Gott an den Himmel montierte (Gen 1,14), eine ernüchternde Entmythologisierung des Kosmos, eine Befreiung zur Ratio.
Zahlensymbolik: Siebenerrhythmus
Spekulation ist also zunächst nicht gefragt, wohl aber Symbolik. Der erste Schöpfungsbericht kann das verdeutlichen. Der Hebräer kennt den Siebentagerhythmus. Der Sabbat, abgeleitet von hebr. sheba, sieben, der siebente Tag also, ist der heilige Ruhetag Gottes und der Menschen. So ergibt sich als selbstverständliches Erzählsymbol der Schöpfungsgeschichte, Gott habe die Erde und den Kosmos in sechs Schöpfungstagen, bzw. -abschnitten vollendet und am siebten Tage geruht. Es sei dem Menschen geboten, in diesem Rhythmus zu leben. Von Gott, der am siebenten Tage ruht, wird dem Menschen die Sabbatruhe verpflichtend geschenkt (Gen 1,1-2,4; Ex 20,10f.; Dtn 5,12-15).
Die Symbolik greift tiefer
Die Symbolik greift tiefer: Der Sabbat, der Ruhetag, ist der Tag der Vollendung. In sieben Stufen entwickelt Gott die Welt und in ihr den Menschen. Aber der Mensch, so die Urgeschichte, gefährdet und zerstört in siebenfachem Niedergang die Weltharmonie des Geschaffenen. Die Machtanmaßung des Menschen gegenüber seinem Schöpfer und die daraus sich entwickelnde Verelendung des Menschen wird in sieben Sündenfällen vorgestellt (Gen 3,1 bis 11,9).
Wiederherstellung
Dabei bleibt es nicht. Die griech. apokatastasis panton, die Wiederherstellung aller und des Alls, im Zweiten Testament als Substantiv nur einmal erwähnt (Apg 3,21), ist das erklärte Ziel aller Heilspolitik Gottes. So wird der Sabbat zum Vorausschein dieser Wiederherstellung, zum Tag der Gottesnähe und der Menschenbefreiung von Arbeit und Mühe. Das Zweite Testament sieht im Tun Jesu den Beginn des Gottesreiches und damit die Wiederherstellung des Menschen, der durch den Messias, durch Gott selbst seinen aufrechten Gang, seine Würde zurück erhält (Mk 3,5; Mk 9,12; Apg 1,6).
Sabbatjahr, Halljahr
Im Ersten Testament wird die siebenfache Verelendung des Menschen in Heilungen und Wiederherstellungen aufgehoben, zumindest abgemildert, was ebenfalls in einem Siebenerrhythmus geschieht: Der Sabbattag wird im Sabbatjahr überhöht, dem siebten Jahr. Verloren gegangene Freiheiten werden dem Menschen zurück geschenkt. Der Mensch wird durch Gottes Gebot aus Sklaverei, Landverlust und Zinsknechtschaft befreit. Im Halljahr, im 50. Jahr nach sieben mal sieben Jahren wird diese Freiheit besonders deutlich. Mit großem Getöse wird im Lande das Erlassjahr, Jubel-, Jobel- oder auch: Halljahr ausposaunt, mit dem alle Unrechtsverhältnisse aufgehoben werden (Lev 25,8). Vom Hall der Posaune, der Lärmposaune, hebr. jobel, hat dieses Ereignis seinen Namen. Die wichtigsten Bestimmungen waren: Wer sich als Sklave verkauft hatte, wurde, ohne dass der Sklavenhalter eine Entschädigung bekommen hätte, frei (Lev 25,39). Grundbesitz, der Erbeigentum der Familie war, sollte, wenn er zwischendurch aus Gründen der Verarmung verkauft worden war, an den ursprünglichen Eigentümer zurück gegeben werden (Lev 25,13.28). Häuser, in die Stadtmauer eingebaut, sowie Grund und Boden, der einem Heiligtum gehörte, blieben von dieser Rückgabeverpflichtung ausgenommen (Lev 27,16-24). Felder blieben im Halljahr unbebaut und es durfte nur das gegessen werden, was von selbst wuchs (Jes 37,30). Prophetische Theologie nimmt auf diese Verordnung Bezug (Jes 61,1), ebenso deutlich Jesus bei Lukas (Lk 4,23).
Buchstaben sind Zahlen und mehr
Jeder Buchstabe im hebr. Alphabet hat einen Zahlen- und darüber hinaus einen Symbolwert, was besonders in der mittelalterlichen Kabbala, der späteren jüdischen geheimen Symbollehre, herausgearbeitet wird. So kommt über den Zahlenwert der > Buchstaben ein deutlich spekulatives Element ins hebr. Denken und auch in die Bibel hinein, was im Zweiten Testament besonders in den Vorgeschichten des Matthäus (Mt 1-2) und durchgehend in der Apokalypse des Johannes sichtbar wird (Apk 1-22).
Zahlensymbolik oder Spekulation?
In der Apokalypse des Johannes spielt Zahlensymbolik eine gewaltige Rolle, wie wir sehen werden, aber eben nicht nur dort! Innerhalb dieser Auslegung werden immer wieder Beispiele biblischer Zahlensymbolik aufgegriffen und entfaltet. Außerbiblisch kommt eine derartige Zahlensymbolik zum Beispiel in der Lehre des Pythagoras und seiner Schüler vor. Sie wird auch in den Bauten der Kathedralen des Mittelalters, vor allem in der Gotik, spürbar. Dabei sind die biblischen Zahlenspiele, die die Geschichte als ein Zeitereignis, als einen Zeitablauf, als ein Zeitalter, von Gott dazu bestimmt, beschreiben, durchaus erlaubt. Eine Zahlenspekulation jedoch in die Zukunft hinein, mit der man zum Beispiel das Weltende berechnen könne, wird strikt abgelehnt, so auch von Jesus. Zeit und Stunde wisse allein der Vater (Mk 13,32).
Zwölfzahl und Zwölfstämmebund in der Bibel
Die Zwölfzahl spiel in der Geschichte Israels bis ins Zweite Testament hinein eine wichtige Rolle. Immerhin bildet sich zu Lebzeiten Jesus (und verstärkt nach Ostern) ein Zwölferapostolat heraus, in Analogie zu den zwölf Stämmen Israels, die sich nach der Überlieferung aus den Familien der zwölf Söhne Jakobs gebildet hatten. Fest steht, dass es eine bis in die Erzväterzeit zurückreichende (oder zurückdatierte?) Entwicklung gibt, die zwölf Stämme Israels aus der Erzvätertradition heraus anzusetzen. Vorzüglich in der Landnahme- und Richterzeit bildete sich ein Bund von schließlich zwölf Stämmen heraus, deren Stammesangehörige sich dem Jahweglauben verpflichtet sahen.
Jahwerecht und Jahwebund
Jahwerecht und Jahwebund griffen ineinander. Wer sah, wie das Jahwerecht eklatant verletzt wurde, musste den Heiligen > Krieg ausrufen, um im Verbund der zwölf Stämme das erlittene Unrecht im Namen Jahwes zu sühnen. Alle zwölf Stämme waren verpflichtet, sich aktiv an diesem so ausgerufenen Krieg zu beteiligen. Allerdings wurde die Tradition des Heiligen Krieges zunehmend kritisch gesehen (Ri 21,24f.; Sam 15,20ff.). In der Königszeit löst sich die Stammestradition keineswegs auf, trat aber zunächst politisch zurück. Bei der Reichsteilung (932 v. Chr.) bilden jedoch zehn Stämme den Staat Israel, das Nordreich, aus, zwei, Juda und Benjamin, das Südreich mit der Tempelstadt Jerusalem.
Kultzeichen des Zwölstämmebundes
Kultzeichen des Zwölfstämmebundes war die Lade, ein hölzerner Kasten, auf dem unsichtbar Jahwe thronend vorgestellt wurde. Nach späterer Tradition enthielt die Lade die zwei Steintafeln, auf denen Mose die Zehn Gebote eingeritzt hatte. Das vorliegende Erzählgut wurde später, bis zum Tode Josias (+ 609 v. Chr.) deuteronomistisch überarbeitet.
Zwölfzahl im Zweiten Testament, Apostellisten
Die Berufung zum (griech.) apostolos, Abgesandter, erfolgt ebenfalls in der Zwölfzahl. Jesus beruft ein Zwölferkollegium ein, beauftragt dieses Reichsgottesgremium und entsendet es. Analog der Mosetradition geschieht dieser Beauftragung auf einem Berge (Mk 3,13-19). Es gibt drei weitere Apostellisten, die fast identisch sind (Mt 10,1-4; Lk 6,12-16; Apg 1,13). Bereits zu Lebzeiten Jesu werden die Zwölf wie Rabbinenjünger in die Stammlande der 12 Stämme Israels ausgesandt (Mk 3,14; 6,7; Mt, 10,1; Lk 9,2). Die Zwölfzahl symbolisiert also nach wie vor die zwölf Stämme Israels. Die Apostel richten ihr Amt der Leitung und Sendung um so ausdrücklicher nach dem Tode Jesu aus (Apg 1,15-26; 2,42-46). Überhaupt wird der Begriff Apostel in den Evangelien sparsam verwandt (Mt 10,2; Mk 6,30; Lk 11,49 und par.). So benutzt Markus in seiner ersten Speisungsgeschichte diesen Begriff (Mk 6,30-44; V. 30), verwendet im zweiten Speisungsbericht jedoch den Begriff (griech.) mathätäs, Jünger, nicht ohne Grund. Diese Erzählung spiegelt Vorgänge in der Urgemeinde, die Einsetzung der sieben Diakone in ihr Amt, wider (Mk 8,1-9; Apg 6,1-7). Diakone jedoch sind keine Apostel! In der Apg wird der Begriff breit gestreut, freilich wird er auf die Gemeindeältesten in Jerusalem eingeschränkt (Apg 1,2-16,4). Nur einmal in der Apg werden Paulus und Barnabas gr. apostoloi genannt (Apg 14,14). Nach Apg 16,4 kommt der Begriff bis zum Ende der Apg überhaupt nicht mehr vor! Interessant sind die Nuancen bei der Namensgebung der Apostel, vor allem die der Beinamen. Der Fischer Simon wird zu (hebr.) Kephas. Der Jünger Simon erhält also den gleichen Namen wie der derzeit amtierende Hohepriester Kaiphas, dessen Namen Markus nicht nennt (Mk 14,53ff.; vgl. Mt 26,3). Simon, der Zelot, wird zu Simon, dem Kananäer, eine Verbalhornung, da hier das (hebr.) kanajim, Eiferer, also auch: Zelot zugrunde liegt, wie auch Judas (griech.) iskariotes, der Sikarier, ein Dolchmann zu den Untergrundkämpfern zu zählen ist (Mk 3,16-19). Auch werden Johannes und Jakobus, zwei Brüder, Söhne des Zebedäus, von Jesus Boarnerges, Donnersöhne, genannt (Mk 3,7; vgl. Lk 9,45). Paulus nennt im Galaterbrief Jakobus, den Herrenbruder, Simon Kephas und Johannes die drei Säulen der Gemeinde (Gal 2,9).
Die Zahl 144 000 in der Offenbarung des Johannes
Die  Zwölfzahl kommt im Zweiten Testament nicht nur in der Wahl der zwölf Apostel zum Ausdruck. Die Ziffer 12 taucht auf geheimnisvolle Weise auch in der Apk auf, nämlich angeblich als Begrenzungszahl, wer und wie viele Menschen zu den Auserwählten des Lammes gehören würden. Nimmt man den jüdischen Symbolwert dieser Zahl ernst, entpuppt sie sich gerade nicht als Begrenzungszahl, sondern als ein Hinweis, das alle eingeladen, ja eingeschlossen sind: 12 (Diese Zahl steht für Israel.) mal 12, ergibt 144 (Diese Zahl steht für die Völker, die zu Jahwe umkehren, ihre Kleider im Blute des Lammes waschen und auf Jahwe hören.) mal 1000 ( Diese Zahl steht für die Zeiteinheit der neuen Epoche des Gottessreiches.). Die Zahl 144000, die wie eine Begrenzungszahl aussieht, ist gerade umgekehrt als Entgrenzungszahl anzusehen: Alle Völker und Menschen kommen zum Zion und treten in den Gottesgehorsam ein. Auch, wenn für diese Zahl zunächst die israelitischen Stammesbezeichnungen die Grundlage bilden (Apk 7,1-8), so besagt doch die gleich nachfolgende Vision, wie sehr die Erwählung Israels im Messias mit der Erwählung der Völker verzahnt ist: „Eine große Menge aus allen Nationen, Stämmen und Völkern und Sprachen stehen vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und Palmzweigen in ihren Händen“, eine Vision, die wenige Kapitel später nochmals bestätigt wir (Apk 7,9-17; 13,18-14,5, speziell: 14,1).
Vergleich
Dass die Zahl 144 000 keine Begrenzung- sondern eher eine Entgrenzung meint, wird aus einem Vergleich mit einem anderen Apokalypse-Text deutlich: Im Rahmen der Schilderung, dass die Befreiten den Gottesthron umstehen und Gott und dem Lamm zujubeln, taucht der Hinweis auf: „Ihre Zahl war vieltausendmal tausend“ (Apk 5,11). Der gesamte Abschnitt betont die Fülle derer, die den Thron umstehen und Lob singen (Apk 5,1-14). Ausdrücklich wird erwähnt, dass mit dem Blut des Lammes Menschen „aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen“ freigekauft wurden. Das meint eher ein Symbol für eine aller Menschheit angebotene und alle Menschheit erfassende Befreiung (Apk 5,10). Hinzu kommt, dass gleich im folgenden Vers eine weitere Unermesslichkeitszahl auftaucht, „vieltausendmal tausend“ (Apk 5,11), auf die bereits hingewiesen wurde.
Ø    Himmel und Werde, Gen 1-11
Ø    Erster Lebenskreis: Intimitäten, Lev 18,1-6, bis Sechster Lebenskreis: Zinslos! Lev 25,35-38
Ø    (N) Das Deuteronomistische Geschichtswerk, Jos 1,1-2Kön 25,30, Vorspann
Ø    Zwölf Steine, zwölf Stämme, 30.6., Jos 4,1-3
Ø    Der Geist macht frei, 6.10., Apg 2,1 bis Pfingstpredigt, Pfingstgemeinde, 10.10., Apg 2,47
Ø    Die beiden Tiere, 16.12., Apk 13,9
Ø    Ein aufschlussreicher Stammbaum, 26.12., Mt 1,1
Ø    Vgl. Krieg
  
Zeloten
Ø    Vgl. Staat, Gehorsam und Widerstand, jüdische und christliche Auffassungen und Erfahrungen
    
Zweiquellentheorie
Höchstwahrscheinlich zwei Quellen
In der Urgemeinde entwickelten sich höchstwahrscheinlich zwei Quellen der messianischen Tradition, die sich rasch ausformten, nachdem Jesu Auferstehung von den Messiasanhängern geglaubt wurde. Seine Legitimation erhält Jesus freilich nicht aus diesen Quellen direkt. Sie erwächst als erstes aus der Jüngergewissheit, die aus ihrer Ostererfahrung zur messianischen Deutung vieler Passagen des Ersten Testaments gelangen. Jesus ist der > Gottesknecht, der leidet und erhöht wird, und so stellvertretend die Vielen befreit, als der > Sohn, der auf die Erde gekommen ist. Zu dieser Deutung gelangten die Messiasanhänger, nachdem Jesus gestorben und ihnen erschienen war. Dieser Glaube schien aus Texten des Ersten Testamentes bestätigt zu werden.
Ø    (F) Aus den Propheten, Aus und nach dem Exil, Jes 40,1ff., Jon 1,1-4,11, Vorspann, Propheten schauen Heil: Deuterojesaia, Jona, Ein Knecht Gottes im Exil, Jes 40,1ff.
Ø    19.02. Ein erstes Lied des Knechts, bis 25.02. Fürwahr
Ø    08.12. An seinem Leibe
Ø    Vgl. Abendmahl
Ø    Vgl. Knecht Gottes
Ø    Vgl. Lamm Gottes
Passionshaggada und Markus
Eine der zwei Quellen, die Leidenshaggada des Messias Jesus, aus Texten des Ersten Testaments heraus entwickelt, nimmt Markus auf und gestaltet sie zu seinem Evangelium weiter, wie überhaupt der Begriff Evangelium von Markus erstmals benutzt wird, um die Frohbotschaft von Jesus, dem Messias, vorzustellen! Markus begnügt sich nicht mit einer kürzeren Leidensliturgie, die ihm vorgelegen haben wird. Er baut umlaufende Textsammlungen ein, Redentexte, dazu Taten und Symbolhandlungen Jesu.
Die Loggienquelle
Wahrscheinlich eher als das erzählerische Element, die Passionshaggada, scheinen Sammlungen von Worten Jesu in Umlauf gekommen zu sein, wie Redenkompositionen, Sammlungen von Gleichnissen usw. Wir nennen diese vermutete Quelle, die sogar als Rekonstruktion vorliegt (mit Fragezeichen, natürlich!) Redenquelle, Logienquelle, oder einfach Q, ein Kürzel für Quelle. Markus hat Q im Gesamtvolumen nicht benutzt, aber doch auszugsweise zitiert. Es lag um 70 n. Chr., als Markus entstand, kein Grund vor, Q insgesamt zu rezipieren. Denn Q war derzeit bei der Gemeinde in voller Nutzung. Und doch musste das Eine oder Andere aus umlaufenden Sammlungen oder aus Q direkt aufgenommen werden, um zu verdeutlichen, was Jesus wollte und wurde, wie Markus ihn verstand. Vgl. > Haggada, Halacha.
Im Gewand der Christuserfahrung
Marks erzählt gegenwärtige, nachösterliche Gemeindeerfahrung im Gewand der Christuserfahrung. In diesem Sinne wird von Markus die bestehende Ursammlung der Messiasliturgie ergänzt, Worte und Taten Jesu gliedern die Passionserzählung auf. Es bleibt dabei, Markus entwickelt eine Passionshaggada. Gerade in dem Leiden des Knechtes Gottes Jesus liegt seine Berufung zum Messias, der alle befreit. Das ist ein Geheimnis, das erst aus dem Glauben an Kreuz und Auferstehung des Messias offenbar wird.
Ø    (G) Das Erste und das Zweite Testament, Vorspann 1, Erster und Zweiter Bund, Jer 31,31-34
Ø    (H) Wie entstand das Zweite Testament in Ansätzen und warum? Vorspann 2, Das Gesetz und die Propheten, Mt 5,17f.
Ø    Das Evangelium nach Markus, Mk 1,1-16,9; 04.03. Evangelium, bis 31.03. Frauen am Grabe
Eine weitere Markusidee
Das Evangelium, das Markus schreibt, ist für ihn Messiasgeschichte und Gemeindegeschichte in einem Atemzuge. Markus erzählt Gemeindeerfahrungen im Gewande von Jesuserfahrungen. Der drohende Bruch zwischen den Alten und Neuem > Äon wird im Messias, der am Kreuz stirbt und in seine Gemeinde hinein aufersteht, aufgefangen. So wird mitten im Alten Äon, im Sterben Jesu, das Neue Zeitalter eröffnet, ddurch Ostern signalisiert. Der Neue Äon wächst so aus Kreuz und Auferstehung in die Vergangenheit des Messias und seiner Anhänger und in die Zukunft der nachösterlichen Gemeinde hinein. Im Tode Jesu wird der Alte Äon dokumentiert und zugleich zerbrochen. Mk füllt also als erster das Bild, das wir später mit dem Begriff des Messiasgeheimnisses umschreiben werden: Die Jünger erkennen den wahren Messiascharakter Jesu nicht, und wo sie ihn bruchstückhaft erkennen, sollen sie ihn nicht machtpolitisch ausbeuten.
Ø    04.03 Evangelium
Ø    (I) Der historische Jesus und seine Predigt, Vorspann 1, Was sagt ihr, dass ich sei? Mk 8,27-30
Ø    Vgl. Abendmahl
Ø    Vgl. Markus
Ø    Vg. Evangelium
Matthäusevangelium
Dieses Evangelium wird in hohem Maße aus der Logienquelle gespeist, einer früh umlaufende Sammlung der Worte Jesu. U. U. enthielt diese Sammlung der Logien, der Worte Jesu, eine knappe Leidenserzählung. Auf jeden Fall können wir heute die Logienquelle aus den Synoptikern rekonstruieren. Die Logienquelle enthält keineswegs nur Worte des historischen Jesus. Vielmehr entstehen Gleichnisse, Apercus und sogenannte Apophtegmata, Worte Jesu, aus bestimmten Situationen heraus, erst nach Ostern. Aller Glaube an Jesus ist Osterglaube. Alle Berichte über Jesus sind von Ostern her zu verstehende Geschichten. Im Sinne des Auferstandenen werden Erfahrungen mit dem historischen Jesus weiter entwickelt. Das ist schon bei Markus so. Die übrigen Synoptiker nehmen also von Mk auf: „Der auferstandene ist der irdische Jesus, und umgekehrt!“ Diese Zusammenhänge entwickeln die Jünger nach der Auferstehung Jesu und predigen so aus ihrer urgemeindlichen Situation heraus den lebendigen Christus, erzählen ihn weiter. Auch die Logienquelle lebt von dieser österlichen Christushoffnung. Worte des historischen Jesus und eine Gemeindeprophetie, die kündet, was Jesus jetzt sagen wird, werden ineinander verschränkt. Für den Glaubenden gilt: Was Jesus durch den Mund des Propheten, der Prophetin jetzt sagt, fließt mit seiner historischen Verkündigung ineinander.
Ø    (J) Gleichnisse Jesu in der Urgemeinde, Vorspann 2, Reich Gottes, Mk 1,14
Ø    01.04. Jeder auf seine Weise bis 22.04. Feigenbaum
Redensammlung im Matthäusevangelium
Die Redensammlung Jesu, auch Logienquelle genannt, bringt Matthäus in hohem Maße in sein Evangelium ein. Darüber hinaus benutzt Mt den Markusaufriss. Er übernimmt das Markinische Muster und formt es in seinem Sinne aus.
Ø    (J) Gleichnisse Jesu in der Urgemeinde, Vorspann 2, Reich Gottes, Mk 1,14
Ø    01.04. Jeder auf seine Weise, bis 22.04. Feigenbaum, Aus dem Evangelium des Matthäus, Mt 1,1-28,20, 23.04. Gerechtigkeit
Nochmals, die zwei Quellen
Die zwei Quellen, Passionshaggada, die Mk als erster aufgreift, und die Logienquelle, die als erster Mt umfassend aufnimmt, müssen recht früh entstanden sein, da Paulus im 1Kor (Anfang 57 n. Chr.) sowohl aus der Passionshaggaga wie auch aus der Logienquelle zitiert (1Kor 11,23-25; 1Kor 7,10).
Ø    (K) Synoptische Evangelien, Mt 1,1-Lk 24,52, Vorspann, Zusammengucker, Mt 3,13-17
Ø    Aus dem Evangelium des Matthäus, Mt 1,1-28,20, 23.04. Gerechtigkeit, bis 13.05. Auf einen Berg in Galiläa
Das Lukasevangelium, das Gesamtwerk des Lukas
Das Lukasevangelium übernimmt aus Markus das Muster der Passionshaggada und deren Aufbau. Darüber hinaus kennt Lukas Q, nutzt diese Quelle aber auf seine Weise und fügt Neues hinzu. Lk sammelt, was noch fehlt – und entwickelt dabei seine eigene Theologie. Das Evangelium des Mt scheint Lk nicht zu kennen.
Ø    (S) Das Lukanische Geschichtswerk, Lk 1,1-24,53; Apg 1,1-28,31, Vorspann 1, Wechsel des Lebensstils
Ø    (T) Ist Lukas der erste Kirchenhistoriker? Vorspann 2, Vorwort zweier Schriften
Ø    13.09. Johannes der Täufer, bis 08.11. Gemeinde
    
Zweiter Jesaia
Ø    Deuterojesaia

Das Zweite Testament, aus dem Ersten
Thesen zur Entstehungsgeschichte des Zweiten Testaments
Ostererfahrung der JüngerInnen und der Urgemeinde
Die > Ostererfahrung der JüngerInnen und die Erfahrungen der Urgemeinde sind die Grundlage einer messianischen Gemeinde und Theologie nach Karfreitag. „Die Sache Jesu geht weiter“, so drückt es Willy Marxsen aus. Aber das ist mir zu prosaisch formuliert. Jesusbewegte sind keine Sache. „Jesus erstand“, so definiert Rudolf Bultmann, „in die Herzen derer hinein auf, die an ihn glaubten.“ Jesus, der am Kreuz starb, erstand also in die Lebenswirklichkeit der nachösterlichen Gemeinde hinein auf. Der „Neue Weg“ , wie die messianische Botschaft nach den Ostertagen zunächst genannt wurde (Apg 9,2) machte sich an den Ostererfahrungen der JüngerInnen fest, aber durchaus nicht stupide dogmatisch, und nur daran. Es war nicht so, dass den JüngerInnen eine Vision, ein Ostererlebnis widerfuhr, Jesus sei auferstanden -, und alles hätte sich von diesem Punkt aus automatisch, wie von selbst weiter entwickelt. Der Osterglaube wäre in diesem Falle als magisches Ereignis ins Jüngerleben eingetreten und hätte alle sozusagen unausweichlich zum österlichen Glauben gebracht. Alle hätten einem absoluten Zwang gehorcht. Vielmehr muss es eine Phase des Suchens und Findens gegeben haben, die gleich nach der Kreuzigung Jesu begann, in der sich der messianische Glaube entwickelte. Das war (und ist bis heute) eine Phase des Zweifels an den Osterereignissen, ja, der Absage gegenüber ihnen. Und doch entwickelte sich diese Gewissheit gleich nach dem Tode Jesu, dass die Kreuzigung Jesu nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Zeitalters sei, in dem das Reich Gottes zu seinen erhofften Dimensionen heranwachse. In der Emmausgeschichte wird etwas von diesem Suchen und Finden erzählt (Lk 24,13-35). Ebenso wird in der Geschichte von der Bekehrung des Kämmerers der Königin Kandake aus Äthiopien, einem Eunuchen, durch Philippus etwas von diesem Suchen und Finden deutlich. In beiden Fällen wird deutlich ein Suchen und Finden in dem Ersten Testament geschildert (Apg 8,26-40).
Suchen und Finden in der Schrift, mit Paulus
Dieses Suchen und Finden war also ein Suchen und Finden in der Bibel der Juden, im Ersten Testament. Texte der Bibel wurden neu gesehen, neu gedeutet, auf Jesus hin, den Gekreuzigten. Sichtbar stoßen wir auf dieses Suchen und Finden zunächst in den Briefen des > Paulus, der ältesten messianischen Literatur, die später, erst im 2. nachchristlichen Jahrhundert, zu festen Bestandteil des Zweiten Testamens wurde. Paulus ist der älteste schriftliche Zeuge der messianischen Bewegung. Er entwickelte seine Briefliteratur sozusagen fast zufällig. er hielt durchs Briefschreiben Kontakt mit verschiedenen messianischen Gemeinden innerhalb des Römerreiches. Es handelte sich um Briefe des Missionars Paulus, die er denjenigen Gemeinden schrieb, die er bereist oder gar persönlich begründet hatte, oder die bereits existierten und die er noch besuchen wollte. Die Paulusbriefe kommen so ziemlich als letztes Literaturgut in den Kanon der Texte, die dann, erst um 160 n. Chr., den Kanon der zweittestamentlichen Literatur bilden. Freilich spiegeln die Evangelien, die später entstanden, dieses Suchen und Finden sehr deutlich, wie die beiden oben erwähnten Erzählelemente aus dem Lukasgeschichtswerk zeigen.
Bewusster Verzicht
Dabei verzichtete Paulus bewusst auf ein Ausdeuten und Herumdeuteln am Leben Jesu. Vielleicht waren es die engen verwandtschaftlichen Beziehungen der Urgemeinde in Jerusalem, die diese zum historischen Jesus hatte, was Paulus daran hinderten, direkt an den historischen Jesus anzuknüpfen. Immerhin war > Jakobus, der den Beinahmen „Der Gerechte“ trug, einer der Brüder Jesu , Leiter der Urgemeinde im Jerusalem und wurde selbst von Paulus als eine der Säulen der Gemeinde bezeichnet (Gal 1,19; 2,9). Nach der Ermordung des Jakobus 62 n. Chr. in einer Verfolgungswelle, die der Hohepriester Ananus auslöste, wurde Jakobus gesteinigt, ein weiterer Bruder Jesu, Judas, soll nach ihm Leiter der Urgemeinde in Jerusalem geworden sein.
Abfassungszeit der Paulusbriefe
Paulus, der erste und früheste Schriftzeuge des Zweiten Testaments, schreibt seine Briefe wahrscheinlich in den Jahren 51 bis 63 n. Chr. In diesen frühesten Zeugnissen der Messiasbewegung, die wir überhaupt auftreiben können, in den Paulusbriefe, gibt es bereits Zitationen aus vorliegenden messianischen Texten, die nach dem Tode Jesu entstanden sein müssen.
Was Paulus vorfindet, wie er weiterarbeitet
Paulus nimmt bereits schriftlich fixierte Traditionen auf, zitiert aus ihnen:
  • Er verweist mehrfach auf eine Sammlung von Herrenworten. Gemeint ist > Q, eine Sammlung von Worten Jesu, die sich mit Worten, die Männer und Frauen der Urgemeinde in prophetischem Geist als ein „Wort des Herrn“ an die Gemeinde richteten, vermischen. Beide Kategorien von Worten, die vorösterlichen Worte, Worte des historischen Jesus, und nachösterliche Worte, im prophetischen Geist in der Gemeinde formuliert, Worte des auferstandenen, sind Herrenworte: Worte des historischen Jesus, die die Gemeinde notiert und Worte, die nach der Kreuzigung Jesu entstanden, im Auferstehensgeist gesprochen.
  • Beide Rubriken, in > Q, in der Sammlung der Herrenworte untrennbar verwoben, liegen, als Paulus seine Briefe schreibt, bereits vor. So schreibt Paulus im 1. Korintherbrief (1Kor 7,10), nicht er, Paulus, sondern der Herr gebiete den Verheirateten....! Und er gebraucht im gleichen Brief eine weitere Formulierung, die auf eine bestehende Sammlung von Herrenworten hinweist, der Herr habe befohlen... (1Kor 9,14). In beiden Fällen ist nicht die ersttestamentliche Thora gemeint, sondern Worte des historischen Jesus oder geistgewirkte Herrenworte, die nach dem Tode Jesu in seinem Namen in der Gemeinde entstanden, zu einem Konvolut gebündelt, zu Q.
  • Paulus verweist auch auf eine vorliegende Passionshaggada, die in der Passa- und Ostertradition der Urgemeinde eine wichtige Rolle spielt, wobei wir annehmen dürfen, dass sich die jüdische Ostertradition, das Passahmahl zu halten, längst zur messianischen Sonntagstradition, nämlich zur sonntäglichen Abendmahlstradition verfestigte. Paulus spielt auf die Abendmahlstradition an der Urgemeinde an. In der gemeinsamen Mahlzeit der Gemeinde verwirkliche sich die Gemeinschaft des Leibes Christi, die Gemeinschaft der Gemeinde mit dem gekreuzigten Auferstandenen (1Kor 10,14-17). Vom Herrn habe er, Paulus, empfangen, was er an die Korinther weiter gegeben habe, nämlich die Einsetzungsworte zum Herrenmahl, wie wir sie fast wortgleich bei den Synpotikern finden (1Kor 11,23-26; Mt 26,26-28; Mk 14,22-24; lk 22,19-20). Es muss also, als Paulus in der Mitte der Fünfziger Jahre den 1. Korintherbrief schrieb, bereits ein Lehrbuch gegeben haben, eine schriftliche Aufzeichnung, eine „Lehre“, das heißt gr. Didache, die nun als Liturgiebuch und zugleich, so ist zu vermuten, als Halacha, als Heilserzählung des Passionsweges Jesu gelesen und benutzt wurde.
  • Merkwürdig ist, dass in 1Kor 10,14ff. eine Formulierung anklingt, wie wir sie in der späteren > Didache, der Zwölfapostellehre finden. Also liegen bereits in den Fünfziger Jahren Passionstraditionen vor, die den Hintergrund für die gottesdienstliche Liturgie wie auch den Erzählrahmen des Todesgeschehens Jesu aufnehmen.
  • Das Wort (gr.) paradidomi, > ausliefern – > überliefern, spielt dabei eine Rolle: (Gr.) paradidomi heißt verraten, ausliefern, aber auch überliefern. „Jesus wird in dem Augenblick zur Überlieferung, da er ausgeliefert wird!“ Soweit können wir in der deutschen Sprache das Wortspiel, das das Wort (gr.) paradidomi in sich birgt, nachvollziehen.
  • Paulus übernimmt aus der bereits vorliegenden messianischen Tradition Liturgie- und Liedgut, das in der Urgemeinde umlief. Überhaupt mühte sich Paulus nicht vage, sich auf irgend einen irgendwie vorhandenen Kontakt mit dem historischen Jesus (den er gewiss nicht vorweisen konnte) zu berufen. Auch verzichtete er auch nur ansatzweise darauf, sein Apostolat auf eine Legitimation oder auch nur durch einen Kontakt zur Jerusalemer Urgemeinde und den übrigen Aposteln zu begründen. Er beruft sich auf seine persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Jesus (Apg 9,1ff.; authentischer: Gal 1,11ff.).
  • Um sein Apostolat aber zu stützen, stellte er eine Kontinuität zur ökumenischen Gemeinde durch seine eigenen Briefe und durch das, was er innerhalb dieser Briefe an vorhandenen Kernaussagen und Liturgiestücken überliefert, her. Des Paulus Legitimation besteht, so sieht es Paulus selbst, in der Berufung durch den Auferstandenen ins Apostelamt. Auch ihm wurde, in einem nachgeordneten Akt eine Auferstehungsvision zuteil (1Kor 15,8), woraus er seine Missionsaufgabe ableitet.
  • Die nimmt er zunächst im gepredigten Wort wahr, dann, nachlaufend, in seinen Briefen, die immer aufs Neue an bereits vorhandenes Glaubensgut anknüpfen und vorhandenes und umlaufendes Lied- und Formelgut aufnehmen (Röm 1,2f.; 11,33ff.; 1Kor 15,3ff.; Phil 2,5-11).
  • Hinzu kommt, dass Paulus selbst ein begnadeter Formulierer ist, der poetischen, hymnischen Sprache mächtig, so dass seine eigenen Formulierungen Gültigkeitscharakter für die gesamte Christenheit bekommen, bis heute (Röm 8,31ff.; 12,9ff.; 1Kor 1,18ff.; 13,1ff.; 15,20ff.; 2Kor 5,16ff.).
Vorhandene Grundlagen zur Zeit des Paulus, Zusammenfassung
Zur Zeit des Paulus hat es also eine Sammlung von Herrenworten gegeben, dazu wohl eine Passionshaggada, die liturgische Elemente enthielt wie auch umlaufende Liturgiestücke und Lieder der Messiasgemeinde, die in den Briefen des Paulus aufgenommen und zitiert werden.
Keine Weihnachts- und Jesuslegenden bei Paulus
Zu Beginn des Römerbriefes begründet Paulus sein Apostelamt aus der Begegnung mit dem Auferstanden. Er flicht gleichzeitig eine kurze Formel ein, mit der er seine persönliche Situation noch unterstreicht. Er habe das Apostelamt sozusagen von Gott selbst empfangen, von „seinem Sohn, Jesus, dem Messias, unserm Herrn, der von Davids abstammt“, was seine geschichtliche Herkunft betreffe, und der aus dem Geiste, der heilige, als Sohn Gottes in der (gr.) dynamis, Kraft, durch die Auferstehung von den Toten eingesetzt sei (Röm 1,2f.). Noch in einen nachfolgenden Brief, der im Namen des Paulus von einem seiner Schüler geschrieben wurde, wird eine Spekulation um etwaige endlose Geschlechtsregister abgelehnt (1Tim 1,4; 2Tim 4,3-5).
Weiter nichts von Jesus?
Paulus lehnt eine Christologie, die sich aus dem historischen Jesus ableitete, zum Beispiel aus seinen Wundertaten, ab, obwohl er doch Herrenworte usw., wie wir oben sahen, anerkennt. Aber der Christus Gottes beweist sich eben nicht durch eine wundersame, legendenhafte Erdenzeit, sondern allein aus der Kraft der Auferstehung, ein Geheimnis, das zwar aus der Erinnerung heraus in die Gegenwart tritt. Aber dieses Ereignis der Auferstehung kann nicht etwa als Beweismittel für die Zukunft des Glaubens dienen.
Paulus ist durchaus an einer Überlieferung der Auferstehungsbegegnungen gelegen. Er zählt diese sorgfältig auf und zeigt einen viel größeren Katalog der Auferstehungsbegegnungen her, als wir ihn später in den Evangelien wiederfinden (1Kor 15,1ff.). Aber dass Christus auferstand, lebt und wirkt, wird aus des Paulus Glauben und Leben bezeugt, auch aus dem Glauben und Leben der Gemeinde, die sich zu Christus als ihrem Herrn bekennt.
Keine Physik der Auferstehung
Insofern wird in der Theologie des Paulus verboten, sich an den Katalog der Auferstehungsberichte sozusagen physikalisch zu klammern, oder etwa an die Geschichten vom leeren Grab am Ende der Evangelien (Mk 16,1-8; Mt. 28,1ff.; Lk 24,1ff.; Joh 20 u. 21), von denen Paulus keine einzige nennt. Die Bibel selbst verbietet in ihrem Urzeugen Paulus also eine Substantialisierung des Erlebten.
Zweifel als lebendiger Baustein des Glaubens
Sogar in den Auferstehungsberichten der synoptischen Evangelien, wie wir, wenn wir genauer hinschauen, ohne großartige wissenschaftliche Analyse selbst nachlesen können, wird diese Sicht der Auferstehung Jesu vertreten. Der Gottesbeweis, wie wir ihn so gern aus den Auferstehungsberichten herauslesen, bleibt aus. Er wird sogar im Erzählen der Berichte verneint: „Etliche aber zweifelten“, heißt es (Mt 28,17). Der bei den Menshen vorhandene Zweifel wird sozusagen zum biblischen Garanten dafür, dass sich der Glaube auf nichts als auf den Glauben stützen könne. Der Glaube, ein unendliches Vertrauen in die unendliche österliche Treue Gottes zum Menschen, darf sich nicht mit der Physik vermengen, die nach Beweisen sucht, Beweise schafft und aus Beweisen lebt. Spätestens durch Immanuel Kant wurden alle Gottesbeweise als physikalisches Hilfsmittel zum Glauben widerlegt und abgeschafft, auch die, die sozusagen innerbiblisch in die Versuchung der Substanzialisierung führen könnten (Mk 16,1ff; Mt 28,11ff.17b; Lk 24,11ff.).
(Hebr.) Kol basar, alles Fleisch
Die Berichte vom leeren Grab, wie wir sie bei den Synoptikern und auch bei Johannes finden (Mt 28,1-15; Mk 16,1-8; Lk 24,1ff; Joh 20,1ff.; 21,1ff.), zielen auf ein anderes Phänomen als etwa einen wunderhaften Gottesbeweis. Sie erzählen, dass nicht nur der Geist, die Seele, das Unsichtbare im und am Menschen von Gott verwandelt und gerettet werde, sondern der ganze Mensch, die ganze Menschheit in einem unübersehbaren die Weltgeschichte umstürzenden Geschichtsakt. Diese Bilder sind als eine jüdische Spitze gegen die > Gnosis zu verstehen, eine verbreitete Philosophierichtung, die nach Plato Geist und Seele höher als den Körper einschätzte. Dem widerspricht der Jude! Hatte nicht der Zweite Jesaia und mit ihm das ganze Erste Testament prophezeit, (hebr.) kol basar, alles Fleisch werde die Herrlichkeit Gottes sehen, nicht etwa nur die Seele des Menschen (Jes 40,5)?
Vorsicht bei den messianischen Titeln
Wenn wir nach der Entstehung des Zweiten Testaments fragen, fragen wir zugleich nach der Entwicklungsgeschichte des Glaubens an den Messias Jesus, wie dieser Glaube entstand, wie er sich im Laufe des ersten Jahrhunderts nach der Zeitenwende ausformte. Es ist ja auch bekannt, dass Jesus, dem jüdischen Rabbi, nicht nur ein messianischer Titel, nämlich: Messias, zugelegt wurde, sondern gleich mehrere, die es einzeln zu untersuchen gilt. Aber auch bei der Nennung den messianischen Titel, die Paulus aus der Tradition zitiert, Messias, Sohn Gottes, Herr usw. müssen wir aufpassen. Ich untersuche und leite ab:
Messias
Wir sagen Christus, und denken diesen Titel als Eigennamen. Er ist ein durch und durch jüdischer Begriff. > Messias meint den Gesalbten Gottes, dessen Erwartung im Ersten Testament und im Judentum eine lange und sehr tiefe Tradition hat, bis heute. Trennen sich hier Christen und Juden? Christen behaupten, der gekreuzigte Jesus von Nazareth, ein Rabbi, der um 30 n. Chr. in Palästina wirkte, sei der Messias, während Juden sagen, der Messias komme noch, sei noch nicht gekommen, da es ja auf Erden keine messianischen Zustände gebe? Christen dagegen sagen, Jesus sei auferstanden und wirke in seiner Gemeinde, und herrsche, zur Rechten Gottes sitzend, im Namen Gottes, über alle Welt. Er habe das neue Zeitalter heraufgeführt, was nicht heiße, dass mit dem Tode und der Auferstehung Jesus automatisch alles anders geworden sei. Der Mensch sei, um Luther zu zitieren, (lat.) simul justus, simul peccator, noch immer Sünder und Gerechter zugleich. Der christliche Messiasbegriff setzt sich gegen das historisch überkommene Messiasbild, der Messias sei ein Politbefreier, und zugleich gegen das Bild vom rein zukünftigen Messias ab, der überhaupt erst noch kommen müsse.
Inwiefern?
Inwiefern sind die Christen Gegner des historischen Messiasbegriffes? Der Messias war nach einem Teil der jüdischen Überlieferung ein politischer Befreier. Jesus und die Gemeinde nehmen radikal ihren Abschied vom Bild eines militärischen Messias, der Juda von den Römern befreie und ein weltweites Gottesreich errichte. Freilich entnimmt die junge Christenheit den Begriff eines anderen, alternativen Messias ebenfalls der Heiligen Schrift (Jes 7-11; Micha 5,1; ff.; Jes 33,1ff.; Sach 9,9ff.).
Der gewaltfreie Messias
Darum halten die Christen am Gekreuzigtem als dem wahren Messias fest, der in ihnen wirke und sie täglich zum Leben erwecke. Der gekreuzigte Messias ist für sie der gewaltfreie Messias, der sich hingibt, ausliefert, damit seine Anhänger ungeschoren davon kommen.
Sohn
Auch das Sohnesbild müssen wir, wie den Messiasbegriff, aus jüdischen Vorstellungen denken. Wir machen aus dem Sohn Gottes leicht einen Gottessohn. Das ist ein feiner Unterschied. Ein Gottessohn, so die gr. Mythologie, entsteht, wenn sich Zeus unter die Menschen mischt und mit einer Menschin einen Göttersohn zeugt, wie Herakles usw. Da geht es sehr fleischlich zu: Göttlicher Same vermählt sich mit einer menschlichen Eizelle. So kann der Jude nicht denken. Für ihn, den Juden Jesus, ist der ein Sohn, eine Tochter Gottes, wer den Frieden tut, wie die Seligpreisung sagt, wenn wir den Text wörtlich übersetzen (Mt 5,9). Der Sohnestitel ist ja, wie wir sehen werden, im Hebräischen immer eng mit dem Knechtstitel verbunden. Der (hebr.) Ebed Jahwe, aber ist, ins Griechische mit gr. Pais Theou übersetzt, schon im Hebräischen kaum vom Sohnesbegriff zu trennen, wenn man sich auf die Formulierung hebr. Ebed Jahwe, Knecht Gottes spezialisiert. Das gr. Pais Theou, was  mit Knecht Gottes übersetzt werden muss, heißt eben auch nicht nur Knecht, sondern eben auch Sohn, Kind Gottes.
Gr. pais, Sohn, Kind, Knecht, Sklave im Zweiten Testament
So spielt das gr. Wort pais, Sohn, Kind, Knecht, Sklave bei der Entwicklung der Christologie eine gewichtige Rolle. Freilich, nicht nur das Wort selbst, sondern die ersttestamentlichen Bilder, wie sie ins Zweite Testament eingewoben werden:
  • Jeremia, der Prophet, wird in der Rolle eines Knechtes Gottes gezeichnet, der seinen von Gott ihm auferlegten Weg geht und in diesem Gehorsam leidet und viel ertragen muss, um des Gehorsams willen.
  • Der unbekannte Knecht Gottes in den Gottesknechtsliedern des Zweiten Jesaia (ab Jes 40; 42,1ff.) wird zum Urbild des Propheten, der stumm wie ein Schaf unter dem Messer seines Scherers das Leides- und Todesschicksal auf sich nimmt und so, weil er stumm bleibt, niemanden verrät, die Vielen vor dem Tode rettet (Jes 53).
  • Die einschlägigen Stellen aus dem Zweiten Jesaia, die vom Knecht Gottes Jesus berichten, seinen Weg und sein Schicksal erzählen, werden fast alle im Zweiten Testament zitiert oder angedeutet (ab Jes 42,1ff. bis Jes 53; vgl. Apg 3,13). Merkwürdig ist, dass bei diesen Zitationen, die ja eindrucksvoll Kreuz und Auferstehung Jesu vorzufigurieren scheinen, die direkte Aufnahme des Titels gr. Pais Theou, Knecht Gottes, vermeiden. Finlay, Das Sklaventum in der Antike, Fischer-TB 4352, 1987, S. 113-115, deckt auf: Den Sklaven, zur ntl. Zeit gr. doulos bezeichnet, mit gr. pais zu rufen, sei eine Methode gewesen, diesen „in seiner Menschenwürde herabzusetzen“. Der Sklave, der gr. Pais gerufen wurde, so der allgemeine Sprachgebrauch in der Entstehungszeit des Zweiten Testaments, wurde als Lustsklave missbraucht. Insofern ist zu verstehen, dass dieser Begriff im Zitatenspiegel des Zweiten Testaments selten vorkommt.
  • Wir dürfen uns aber auch klarmachen, dass gr. Huios Theou, Sohn Gottes, zumal im Griechischen über den Pais-Begriff die Brücke zum Kindschaftsverhältnis mit Gott längst geschlagen war und der Sohnestitel für den frommen und gerechten Juden längst gebräuchlich war. In Sapientia (Kap. 2,1-24) wird bereits angedeutet, dass der fromme Gerechte, von der eigenen jüdischen Regierung verfolgt, Gott als seinen Vater anredet, dies 150 Jahre vor dem Komme Jesu. Nun soll dieser Gerechte gekreuzigt werden. Er möge Gott als Vater anrufen. Man werde ja sehen, ob Gott seinem Sohn helfen werde (Sap 2,17-19).  Angespielt wird höchstwahrscheinlich auf die Judenverfolgung, wie sie um 160 v. Chr. der Hohepriester Bakchides unter den Chassidäern, den frommen Juden, die sich selbst die Gerechten nannten, auslöste.
In Psalmen
Der Knecht Gottes, hebr. Ebed Jahwe, der leidet und vergeht – und doch von Gott erhöht, aus der Grube gezogen, ans Licht gebracht, aus der Finsternis errettet wird, taucht als Bild in verschiedenen Psalmen auf, auch, wenn der Titel hebr. Ebed Jahwe, nicht aufgenommen wird (Ps 22,1ff:, 69,1ff.; 35,1ff.). Hier wird ein Schema vorgegeben, das Passion und Ostern beinhaltet, sozusagen als Muster vorwegnimmt: Der Knecht wird gefoltert, verurteilt, zu Tode gebracht, oder aber er gerät in tiefste Todesgefahr, so der erste Abschnitt dieser Psalmen. Dann, in einem zweiten Abschnitt, wird die Errettung des Hochgefährdeten besungen. Diese Rettung geschieht durch Gott. Die Bilder schweben. Ob es sich in jedem Falle um einen totalen Tod handelt, aus dem Gott total auferweckt, bleibt im Ungewissen. Jedenfalls rettet Gott aus totaler Lebensgefahr. Es muss jedoch aufmerksam gemacht werden: Der Erste Testament kennt keine Auferweckung aus dem Tode, weiß von keinem Jenseits, das dem Gläubigen versprochen werde, in dem es ihm dann besser als auf der Erde ergehe und aus dem er zurückkehren könne. Im Ersten Testament entwickelt sich der Glaube als eine Diesseitsreligion, was uns Christen nur gut tut. Wir werden erinnert, uns um die Verwirklichung des Reiches Gottes hier auf Erden zu bemühen! Jedoch wird das Muster, dass ein leidender Gottesknecht stirbt und von Gott errettet wird, aus diversen Psalmenbildern bestärkt.
Vorläufige Zusammenfassung: Sohn Gottes
Der messianische Titel Sohn, Sohn Gottes muss zunächst von seinem ersttestamentlichen Hintergrund verstanden werden. Der Sohn ist eher der leidende Gottesknecht als der strahlende Göttersohn, mit dem er relativ wenig zu tun hat. Der Auferstandene definiert sich eher aus der Solidarität Gottes mit dem leidenden und zweifelnden Menschen am Kreuz als aus glühenden Ostervisionen. Gott ist unten, im Kreuz, um uns aus dieser Todeserfahrung zu österlichem Glauben und Handeln zu befreien, hier und jetzt.
Menschensohn
Paulus gebraucht diesen Messiastitel > Menschensohn nicht. Es wäre aber unrichtig, ihn deswegen als unbedeutend usw. einzuschätzen. Warum Paulus diesen Titel nicht einsetzt, ihn auch nirgendwo aus der vorhandenen Tradition zitiert, kann nur spekuliert werden. Vielleicht ist die Summe der Vorstellungen, die diesen Begriff umgeben, zu sehr von politischen Weltherrschsaftsideen besetzt? Gott beruft im Menschensohn die Heiligen Gottes zur Weltherrschaft (Dan 7,1ff.)?
  • Zunächst, der Titel stammt aus dem Ersten Testament. Er meint den prophetischen Boten, der Israel das Wort Gottes mitzuteilen hat, wie wir es bei Hesekiel nachlesen können (Hes 2,1.3; 44,5).
  • Aber dieser Begriff, aram. Bar Nascha, Menschensohn, meint auch ganz allgemein, den vergänglichen, gefährdeten, aber auch gefährlichen Menschen, den Menschen, der dem Tode ausgesetzt ist und selbst andere zu Tode gefährdet, diesen umtriebigen, irrtumsgefährdeten Menschen (Jes 51,12).
  • In der > apokalyptischen Literaturm bei Daniel gewinnt dieser Titel eine neue Qualität. Der Seher schaut den Menschensohn in den Wolken des Himmels, nachdem ihm vorher vier Tiere erschienen sind, die die Gewaltreiche der Vergangenheit symbolisieren. Der Menschensohn wird endlich die Menschlichkeit Gottes anziehen und sie unter die Leute bringen, vom Himmel herab, als göttliche Tat, die diese Erde und vor allem die Menschenherzen verwandelt. Dabei ist nicht ein Jenseits gemeint, sondern Gottes Herrschaft in seinen Heiligen auf dieser Erde, die aber von Gott geschenkt, herbeigeführt wird (Dan 7,1ff, hier: 7,14).
  • Jesus wird diesen Titel zunächst unapokalyptisch, wie unter a. skizziert, benutzt und auch auf sich angewendet haben, wobei er auch allgemein den Menschen schlechthin meint: „Wie die Menschen nun mal so sind. So wird es mir nicht anders ergehen.“ Auch kann Jesus, in Gleichnissen usw. im Sinne von b. gebraucht haben (Mt 25,31-46).
  • In der jungen Christenheit, vor allem im Bereich hellenistischer Kultur, die freilich doch ganz und gar in der jüdischen Tradition verankert war, wurde der aus der Apokalyptik herkommende Menschensohntitel deutlich auf Jesus bezogen. Stephanus wird für seine Menschensohnsvision gesteinigt. Die Grenze, die der Monotheismus der Bibel setzt, scheint überschritten. Nicht mehr der eine Gott regiert Himmel und Erde, sondern zur Rechten Gottes wirkt der Menschensohn, endzeitlicher richtender Anwalt der Menschheit vor Gott, was Stephanus schaut und ausruft (Apg 7,1-60).
  • Im Johannesevangelium wird die Rolle des Menschensohns Jesus neu gedeutet: Jesus, der Menschensohn, wird ans Kreuz erhöht. Das Weltgericht findet in diesem Akt der Kreuzigung Jesu statt – und bedeutet zugleich die Überwindung des Gerichts, insofern sich die Menschen, die in der Finsternis stecken, dem Licht zuwenden (Joh 3,14ff.).
Herr
Das Wort gr. Kyrios, Herr, schillert wieder in den verschiedenen Bedeutungen.
  • Es ist keine Gotteslästerung, jemanden mit Herr anzureden, das Wort gilt im Sinne einer alltäglichen Anrede, Herr Meier, Herr Müller.
  • Im biblischen Umfeld hat gr. Kyrios, zumindest seit der Übersetzung der LXX, die Bedeutung von Gott. Gr. Kyrios ist die übliche und durchgehende Übersetzung von Jahwe ins Griechische.
  • In diesem Sinne wird gr. Kyrios als Anrede von Gottkönigen gebraucht. Der Römische Kaiser war seit Augustus in dieser Rolle: Einmal im Jahr, zum Neujahrsmorgen, musste jeder Untertan des Römischen Reiches vor ein Kaiserbild treten, vor dem ein Altar angebracht war, und unter Anrufung des Namens drei Körnchen Salz auf den Altar legen: „Gegrüßt seiest du, Kyrie Caesar Augustus usw. ...“ Damit war der Bürgerpflicht Genüge getan.
  • Die Juden, die im Herrschaftsbereich Roms lebten, waren von der Sitte der Caesarenhuldigung am Neujahrsmorgen ausgenommen. Sie hatten geltend gemacht, dass sie die Anrede gr. Kryrie, O Herr, nur ihrem Gott allein vorbehalten dürften.
  • Indem Paulus den Titel gr. Kyrios deutlich auf Jesus bezieht, schafft er nicht nur ein Dilemma innerhalb des jüdischen Glaubens, in dem sich Messianisten und Nichtmessianisten scharf voneinander trennten, sondern auf Dauer auch einen erheblichen Konflikt innerhalb der Reichsbürgerschaft Roms. Nicht der römische Kaiser ist gr. Kyrios, sondern „Herr ist Jesus!“ (1 Kor 12,1-3). Freilich ist dieses Bekenntnis jüdisch eingebunden, sehr präzise, wie Paulus es ausruft. Im Gegenüber zum Polytheismus der Alten Welt wird die Grenze deutlich im Verbund mit Juda gezogen: „Wir haben einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge und Ereignisse sind und wir zu ihm hin; und den einen Herrn, Jesus, den Messias, durch den alle Dinge und Ereignisse sind, und wir durch ihn“ (1 Kor 8,6). Im Endzeitalter, so sieht es Paulus, wird der Kyrios Jesus zum Agens der Welt- und der jeweiligen Persönlichkeitsgeschichte des einzelnren Menschen, auch meiner Geschichte (1Kor 15,24).
  • Wieder gilt es zu warnen. Es sind nicht zwei göttliche Essenzen zu beschreiben, zwei Seinsweisen Gottes, auch nicht zwei miteinander agierende kosmoskräftige Personen, sondern der eine Gott lebt und wirkt seine Welt in, mit und unter dem einen Christus, der in, mit und unter seiner Gemeinde, die sich zu ihm als dem Herrn bekennt, lebt und wirkt.
  • Am Ende der Tage wird der Christus dem einen Gott alles zu Füßen legen, auf dass dieser sei alles in allem (1Kor 15,24). Das Bekenntnis „Christus ist der Herr!“ bezeugt also den Herrschaftsanspruch und die Herrschaftswirklichkeit des einen Gottes über alle Welt und Person. In seinem einen Messias Jesus übt der eine Gott die eine Herrschaft aus, nicht Dämonen, nicht Geister, nicht Sternbilder-Sternengötter, nicht Heerführer, nicht Hochpriester, auch nicht der Kaiser von Rom! Der Kyrios Jesus hat allen Anspruch auf Mensch, Welt und Kosmos und übt diesen Anspruch aus.
  • Wieso wird Paulus diese Titelentwicklung zugeschrieben? Zunächst einmal legen die Briefe des Paulus über diese Entwicklung ein beredtes Zeugnis ab. Darüber hinaus gibt es ein Signal aus der Apostelgeschichte des Lukas, in der Erzählung von der Bekehrung des Paulus auf dem Wege nach Damaskus (Apg 9,1-31). Zehnmal wird der Herrenname innerhalb dieser Erzählung benannt. Eine Entschränkung, eine jeweilige Zuordnung zum Namen Gottes, des Kyrios, oder etwa zum Kyrios Jesus ist nicht möglich. Beide Bedeutungen sind innerhalb dieser Geschichte zu einer Handlungsidentität verschränkt. Zwei Signale kommen auf uns zu: a.    Paulus hat den Herrennamen als messianischen Titel für Jesus bereits vorgefunden. b.    Paulus hat ihn intensiv und bewusst eingesetzt. c. Interessant ist auch, dass von Paulus in diesem Zusammenhang berichtet wird, er habe Jesus „als den Sohn Gottes“ verkündigt, kurz nach seiner Bekehrung (Apg 9,19). Das könnte bedeuten, Paulus habe den Zugang     zum Messias Jesus, den er später als den Herrn bekennt, über das Bild vom Gottesknecht, der der Sohn ist, gefunden.
Was wissen wir von Jesus?
Jesus trat als rabbinischer Lehrer zunächst in Galiläa, dann aber auch in Jerusalem auf, was zur Katastrophe, nämlich zu Festnahme, Verhör, Folter und Kreuzigung führte. Während Rudolf Bultmann und seine Theologengeneration meinten, Jesus habe gar kein messianisches Selbstverständnis besessen. Erst aus dem Tode heraus, nach seiner Auferstehung sei er in dieses Bekenntnis von der Urgemeinde erhoben worden. Heute denken wir, Jesus habe ein Vollmachtsverständnis besessen, dass sich zum Beispiel in der Bergrede ausdrücke, wenn Jesus seine Redenteile mit dem „Amen, Amen, ego lego hymin...“ untermauert, mit diesem „Ich aber sage euch...!“ (Mt 5,20.21f.27f.31f.33f.38f.43f.). Aus diesem Vollmachtsverständnis habe er sich in den Gegensatz zur verschiedenen zeitgenössischen religiösen Strömungen in Judäa gesetzt. In dieser von ihm bewusst angenommenen und auch gelebten Vollmacht habe er Menschen geheilt, das Reich Gottes angekündigt und seinen Weg nach Jerusalem bewusst als Provokation gegen bestehende Missstände gewählt, auch im Wissen um sein Lebensrisiko. Er habe in volkstümlichen, teilweise scharfzüngigen, provokativen Bildern gepredigt. Das heißt, er habe das Erste Testament messianisch ausgelegt, allerdings nicht unbedingt eindeutig auf seine Person hin als Messias definiert. Auch habe er seine Reden, analog den Propheten, mit zeichenhaften Handlungen unterstrichen. Er hielt mit Armen und Ausgestoßenen Mahlzeiten, suchte die Gemeinschaft mit denen, die in der religiösen Ordnung keinen Platz hatten und erkannte ihnen die Menschenwürde, von Gott geschenkt und unverlierbar, zu. Sein freier und oft unabdingbarer Ton habe ihm zunächst viele Sympathisanten zugebracht, ihn aber dann wieder von seinen Anhängern isoliert. Ja, in der Meinung seiner eigenen engsten Anhängern habe er sich der Missverständnis ausgesetzt, er werde als ein politischer Revolutionär starten, zumal seinerzeit drängend die Ankunft eines oder gar mehrerer politischer Messias erwartet wurde. Ähnliches erhofften sich von ihm auch seine engsten Anhänger. Seine pazifistischen Töne werden nicht nur heute, sondern wurden bereits zu seinen Lebzeiten überhört. Er aber stand zu den Thesen seiner Gewaltfreiheit, die er mit seinen eigenen Lebens- und Todesentscheidungen untermauerte. Er ließ, anstatt eine Revolution anzuzetteln, oder mindestens in letzter Minuten zu fliehen, sich gefangen setzen und umbringen. Diese seine Entscheidung war so verblüffend, dass alle seine Anhänger mit dem Leben davon kamen, ja, nicht einmal gefangen gesetzt oder verhört wurden.
Diese Entscheidung
Diese Lebens- und Todesentscheidung machte Jesus nicht nur menschlich unantastbar, sondern offenbarte ihn der Gemeinde, seinen AnhängerInnen, als den Auferstandenen. Zeugnisse des Ersten Testaments, die zunächst gar nicht auf seine Existenz gemünzt waren, sondern in ganz anderen historisch einwandfrei zu bestimmenden Zusammenhängen standen, wurden seinen Anhängern nach seinem Tode zum Zeichen, dass er der gekreuzigte und von Gott erweckte Knecht Gottes sei, wie oben dargelegt. Alle weiteren Entwicklungen fanden schubweise und in verschiedenen Regionen statt. Die periodischen Verfolgungen der Anhänger Jesu in Judäa und Jerusalem sowie der Missionseifer der Messiasgemeinde trugen dazu bei, dass die Botschaft „Herr ist Jesus!“ sich im gesamten Mittelmeerraum innerhalb eines Vierteljahrhunderts festsetzte und, vorzüglich in den judäischen Diasporagemeinden, aber auch in der freien großstädtischen Szene Anhänger fand. 
Was lässt sich auf den historischen Jesus zurückführen?
Alles, was vor Jesus im Judentum nicht im Schwange war, und auch alles, was nach der Jesusrevolution wieder zerfiel oder zurückgedrängt wurde, muss ja, wenn es im Zweiten Testament zu finden ist, auf den historischen Jesus zurück gehen, so die einleuchtende Erklärung H. Conzelmanns (RGG, 3. Auflage 1959, Bd. 3, Art. Jesus Christus, Sp. 623). Es verbleiben an Möglichkeiten, die (lat.) ipsissima vox, die eindeutige Rede Jesu zu eruieren:
  • Eine Reihe von Gleichnissen, die allerdings auf ihren Kern reduziert und von nachfolgenden Anhängen befreit werden müssen (Vgl. Mk 4,1ff.).
  •  Die Menge der Jesusworte der Bergrede Jesu. Freilich einige Seligpreisungen werden schon in > Qumran formuliert. Jesus knüpft also auch hier an vorhandene Traditionen an.  
  • Einzelne Jesusworte, sogenannte Apophtegmata Jesu, die am Ende einer Zeichenhandlung oder eines Dialoges stehen: Auch hier müssen wir konstatieren, dass es sich bereits um eine Pointe innerhalb der Verkündigung über Jesus handeln könnte, die sich in der Urgemeinde herausbildete. Trotzdem, eine Reihe von Dialogen und Jesusworten wird auf den historischen Jesus zurück gehen, wenn das Conzelmann´sche Gesetz, siehe oben, greift.
Nach der Zerstörung Jerusalems
Nach der > Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. ergab sich die Notwendigkeit, umlaufendes Schrifttum, das sich bereits wenige Jahre nach dem Tode Jesu bildete, wie bereits berichtet, zu systematisieren und zum Kanon der Schriften des Zweiten Testaments zu entwickeln. Der Verlust eines zentralen Ortes, dem ideelle und konkrete Sammlungspunkt aller Juden, der nichtmessianischen wie der messianischen, ging mit der Tempelzerstörung und der Vernichtung Jerusalems verloren. So benötigte die Christenheit einen neuen Fixpunkt – und betrieb um so eifriger die Etablierung eines Zweiten Testaments, einer Sammlung von Schriften, die den Glaubens- und Lebenskodex der Ersten Christen bilden würde. Freilich, es entstanden die diversen Schriften der Urgemeinde schon vor der Zerstörung des Tempels und Judas, zunächst > Q, die Redenquelle, heute verloren, die > Matthäus und auch > Lukas benutzten und in ihr Evangelium einbauten, während > Markus Q nicht zitiert, dafür aber eine Passionshaggada zu seinem Evangelium weiter entwickelt. Markus ist der erste, der eine > Evangeliumsschrift aus bisherigem Material zusammenkomponiert.
Das > Matthäusevangelium, von dem frühe Zeugen sagen, es sei dem Naziräerevangelium gleich (das nur noch in Resten vorhanden ist), allerdings ohne die Vor- und Geburtsgeschichten (Mt 1-2), nimmt wohl Q umfassend auf und konzipiert mit seinem Evangelium eine neue Thora, indem er aus Q fünf Komplexe von Jesusreden hineinkomponiert. Jesus wird bei hm zu einem neuen und alternativen > Mose, der die > Thora nicht verachtet, sie auch nicht abschaffen möchte. Er „erfüllt sie“ (Mt 3,15), indem er sie
  • vollmächtig auf seine Zeit hin neu auslegt, und
  • mit seinen Entscheidungen und in seinem Weg ans Kreuz eindrücklich auslegt und diese seine Auslegung bestätigt.
Das > Lukasevangelium und die Apostelgeschichte, doch wohl von einem Autor, oder einer Autorengruppe konzipiert, zeigen den Weg des Evangeliums von Nazareth nach Rom an. Dabei spielt in der Endphase dieser Evangelisierung die Gestalt des Apostels > Paulus, wie Lukas sie zeichnet, eine überragende Rolle.
Briefe, früh geschrieben, spät dem Kanon zugeordnet
Die Briefliteratur, die vor allem zunächst von Paulus entwickelt wurde, führte zunächst ein Eigendasein. Gründe dafür, dass die Christenheit sie erst spät zum Kanon zählte, liegen, was die Paulusbriefe anbetrifft, zunächst in der Person und vor allem der Theologie des Paulus begründet. Paulus wurde verdächtigt, zu den Gnostikern zu zählen, da er immer wieder auf den Geist und seine persönliche geistliche Berufung pocht (, ohne mit der in Jerusalem und auch sonst wo real vorhandenen judenchristlichen Gemeinde in Dauerkontakt gestanden und diese um Erlaubnis zur Mission gefragt zu haben. Seine Radikalität und Bestimmtheit in Sachen der Nichtbeschneidung der Heidenchristen, seine Entwicklung der Botschaft aus dem Galiläischen Winkel heraus in die Welt Roms verbindet ihn zwar mit anderen Missionaren wie Petrus. Aber in verschiedenen Punkten, die den Nerv der judenchristlichen Vorstellungen treffen, verhält sich Paulus eben kompromissloser als Petrus, sein großer Gegenspieler auf dem Missionsfeld. Auch ist des Paulus Theologie komplizierter, bis in einzelne Formulierungen hinein, als die des Petrus, der schlicht und ergreifend ersttestamentliche Fundstellen zum urchristlichen Dogma erhebt.
Marcion und seine Ideen
Erst als Marcion, geb. 85 n. Chr., gest. um 160 n. Chr., ein reicher Kaufmann aus Sinope, dessen Vater Bischof von Sinope war, brachte Paulus wieder ins Blickfeld der Christen. Er präsentierte der Christenheit von Rom, als deren Bischof er sich eingekauft hatte, einen Kanon von Schriften, mit dem er radikal auf ersttestamentliche Schriften und auch auf Zitationen ersttestamentlicher Stellen in seinem Schriftenkanon verzichtete. Er kreierte einen Kanon folgender Bücher: Lukasevangelium und Apostelgeschichte, dazu die Paulusbriefe.
Diese Sammlung die damit verbundene Intention zwang die Christen zu einer Stellungnahme, auch, nachdem Marcion sein Bischofsamt aufgegeben hatte. Die Gemeinde in Rom zahlte ihm zwar den Einkauf auf Heller und Pfennig zurück. Marcion aber gründete daraufhin eine Eigenkirche, deren Mitgliederzahl größer war als die der Katholischen Kirche. Der Auseinandersetzungsprozess zog sich über mehrere Jahrhunderte hin. Seit Konstantin wurden die Marcioniten regelrecht verfolgt. Marcion, der Paulus eindeutig favorisierte, ist es also zu verdanken, dass Paulus überhaupt in den Kanon der zweittestametnlichen Schriften gelangte. Marcion hat durch sein Wirken indirekt zur Wiederentdeckung des Paulus beigetragen. An Paulus konnte nun niemand mehr vorbei, zumal die Marcion-Kirche ja weiter existierte und blühte. So war die Katholische Kirche gezwungen, nun auch ihrerseits die Paulusbriefe sich neu ins Bewusstsein bringen zu müssen und in den nunmehr wachsenden kirchlichen Kanon aufzunehmen. Dieses Verfahren der Kanonbildung war zum Ende des Zweiten Jahrhunderts n. Chr. abgeschlossen.
 
Zwölfzahl
Ø    Vgl. unter Zahl und Zahlensymbolik