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U/V/W (365 mal Gott-Lexikon) Drucken
Urgeschichte
Die Urgeschichte (Gen 1-12) ist weder ein Geschichtswerk noch ein Schöpfungsmythos, wie wir ihn bei übrigen antiken Völkern vorfinden. Die Urgeschichte erzählt in eindrucksvollen Symbolgeschichten vom siebenfachen Niedergang des Menschen bis zum heutigen Tage und berichtet ebenso eindrucksvoll, wie Gott mit diesem Menschen, der immer eindeutiger aus seiner Menschenbestimmung heraus fällt, stets neu beginnt.
Ø    (B) Urgeschichte Gen 1,1—11,26. Himmel, Erde, Vorspann
Ø    01.01. Am Anfang, bis 07.01. Übergang
Ø    Vgl. Sündenfall
Thesen zur Urgeschichte

In sechzehn Thesen soll in die Sinnzusammenhänge der Urgeschichte eingeführt werden. Eine vertiefende Beschäftigung mit der Urgeschichte ist umso wichtiger, als Kreativisten die Welt überziehen, reiche und einflussreiche christliche Fundamentalisten, die die Lehre durchsetzen möchten, Gott habe als der (lat.) Creator, Schöpfer, die Welt genau im Zeitplan der ersten Schöpfungsgeschichte und der Urgeschichte (Gen 1-11) entstehen lassen. Dem gegenüber ist anzumerken:
  1. Die Urgeschichte ist weder historisierende Erzählung noch moralisch - geschichtlicher Impuls. Sie ist umfassende Menschheitsgeschichte, damals und heute, sie bildet meine Existenz voraus und ab, meine Person, auch die Existenz von Völkern und Menschengruppen. Sie ist Theologie, Psychologie und Philosophie in einem. Sie meint in ihren Bildern und Entwicklungen immer diesen Menschen und seine Geschichte. Sie denkt Mensch und Geschichte ganzheitlich.
  2. Sie erzählt auch aus der Erinnerung, spiegelt Meinungen und zeitgeschichtliche Erfahrungen. Sie erzählt vor allem vom Woher und Wohin und Wozu des Menschen. Die definiert den Menschen, indem sie Geschichten erzählt, von dem Zusammenhang des Menschen und der Natur mit dem Schöpfer. Sie ist ganzheitlich angelegt. Sie stellt Mensch und Natur in ihrer Beziehung zu ihrem (Schöpfer)Gott dar. In Gott Jahwe - so erzählt der Jahwist - sind alle Menschen, auch die, die ihn heute nicht mehr kennen oder nicht bekennen wollen, gemeint (Gen 4,26).
  3. Alle Menschheitsgeschichte ist Gottesgeschichte, alle Gottesgeschichte Menschheitsgeschichte. Es wird von vornherein eine Beziehungserfahrung erzählt, die die Ökumene dieser Erde umschließt. In Gott Jahwe und seinen Menschen (Adam, Eva, Kain, Abel, Set, Enosch) sind alle Menschen und Völker aller Zeiten gemeint, wie sie aus ihrer Gottesbeziehung nicht entlassen werden können. Abgesehen von den speziellen Ausdeutungen der Urgeschichte, wie sie die jüdische, christliche, muslimische Religion vornimmt, werden Mensch und Geschichte aus der Existenz mit und in diesem Gott gedeutet, dessen Name "Ich werde sein" lautet (Ex 3,14). Die Menschen werden in Gott hineingeworfen, an ihn gewiesen, ob dem Menschen das passt oder nicht, ob er dies erkennen kann oder nicht. Jahwe ist nicht irgendein Schöpfergott, sondern der die Geschichte bildende und vorantreibende alleinige, einzigartig handelnde Gott.
  4. Alle Entwicklung, wie sie vor allem der Jahwist und die Nomadische Urschrift erzählen (> Quellen und Quellenscheidung im Pentateuch, siehe auch untenstehend: Quellenscheidung), treiben die Geschichte als eine Abfallsgeschichte des Menschen von seinem Gott voran, wobei Abfall und Strafe nicht kontrapunktisch, sozusagen automatisch aufeinander folgen. Es etablieren sich Strafe und Gericht von selbst. Der Mensch fordert seine Geschichte heraus, indem er sie an sich reißt, usurpiert - und scheitert gerade an dieser Herausforderung. Diese Herausforderung meint ja nicht den Überlebenskampf des Menschen in eine bessere Zukunft hinein, wie wir Menschheitsgeschichte leichthin verstehen. Sie meint die Selbstentfaltung des Menschen im Sinne einer ihn treibenden und beherrschenden Angst, er, der Mensch könne seine Zukunft verlieren, darum müsse er um jeden Preis um sie kämpfen und sie gewinnen. Dabei entfremdet sich der Mensch von sich selbst, Angst und Gegenangst eskalieren und rauben dem Menschen die Menschenwürde. Die Priesterschrift nennt diese Menschenwürde die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott (Gen 1,26).
  5. Indem der Mensch mutwillig Zukunft an sich reißt, wird er zum Usurpator, verspielt er geschenkte Freiheit und Unschuld und wird zum Sklaven seines Misstrauens gegen sich selbst. So entfernt sich der Mensch aus 'Gott', indem er sich aus sich selbst entfernt. Er wird zu jenem Menschen, den Luther den homo incurvatus in se ipsum nennt, den nur noch um sich selbst kreisenden Menschen, den in sich selbst vertieften Menschen. Der Mensch entfernt sich aus sich selbst, indem er nur noch um sich kreist, sich in sich selbst vertieft? Das scheint ein Widerspruch in sich zu sein: Indem der Mensch zu sich selbst flieht, entfremdet er sich von sich selbst?
  6. Das ist biblische Weisheit: Indem der Mensch von sich selbst krankhaft Besitz ergreift, versteht er sich selbst und seine Umwelt stets schlechter. Er läuft vor sich selbst weg, indem er sich, den Menschen, krankhaft egomanisch zum Mittelpunkt erklärt. So aber läuft er vor seiner göttlichen Bestimmung weg, nämlich ein (lat.) homo socialis zu werden, läuft vor Gott weg. Indem der Mensch sich aus Gott entfernt, entfernt er sich aus sich selbst. Indem er sich von sich selbst entfremdet, entfremdet er sich 'Gott.
  7. Das ist auch psychologisch gesprochen: Die Wahrheit des Satzes Wenn der Mensch zu sich selbst flieht, sich in sich selbst zurückzieht, entfremdet er sich selbst, findet ihre Wahrheit in unbewussten und offensichtlichen Autismen. Ein Stück Wahrnehmungsfähigkeit, Lebensfähigkeit geht mir verloren, wenn ich ohne Feedback der anderen, nur auf mich konzentriert, lebe. Es ist so: Die Dialogfähigkeit des Menschen garantiert ihm sein Überleben.
  8. An Gott zu glauben oder nicht zu glauben, hieße in diesem Sinne nicht, irgendeine Religion zu haben oder nicht zu haben. Sondern: Der Selbstwert des Menschen, der sich zu seinem Menschsein bekennt, wird zerstört, wenn der Mensch seine innere Abhängigkeit nicht mehr in Jahwe, dem Gott aller Rechtlosen und Schwachen sucht, sondern in sich selbst, dessen Willkür die Maßstäbe und dessen Machtgier die täglichen Grenzüberschreitungen festsetzen.
  9. Dabei beziehen die Entfremdung vom helfenden, befreienden und den Menschen aufrichtenden Gott und die Entfremdung der Menschen untereinander sich aufeinander. Wer sich von Jahwe entfernt, entfernt sich aus einer Ethik der Befreiung, wendet sich den Spielregeln der Unterdrückung zu, macht sich daran, Menschen zu versklaven. Wer sich aus der Menschlichkeit herauslöst und sich den Mechanismen der Unterdrückung öffnet, verliert seinen Gott aus seinem Herzen, der doch die Befreiungsrechte des Menschen vertritt.
  10. Die Entfremdung von Jahwe und sich selbst schreitet in Stufen voran. Sie kann nicht auf einen Sündenfall beschränkt werden. Die Urgeschichte ist, abgesehen von der Schöpfung und der steten Wiederbegründung der Zukunft in immer neuen Bundeszusagen Gottes, zuletzt und am offensichtlichsten im Noahbund, eine einzige und einzigartige Geschichte von Sündenfällen, die alle ihre eigene Spezies darstellen und einen je verschiedenen Sündenfall abbilden. Brutalisierung des Menschen und Entfremdung von sich selbst gehen Hand in Hand. Die Verstrickung wird immer fester, der Niedergang des Menschlichen im Menschen immer eklatanter, freilich auch die Rettungsabsicht Gottes immer deutlicher.
  11. Die Erbsündenlehre der Kirche ist dagegen ein missglückter Versuch, die Verstrickung des Menschen in sein Schicksal, den Weg einer selbstmörderischen Aggressivität, die substanzhaft im Menschen steckte, aufzuzeigen. So landet die Erbsündenlehre bei der Vorstellung von einer substanzhaften Verderbtheit des Menschen, einer unbeweglichen (lat.) massa perditionis, einer Masse des Verderbens, die in einem ontologischen Sinne die Verlorenheit des Menschen symbolisiert, ein Bild der Kirchenvater Augustinus um 400 entwarf. Dieses Bild intendiert die absolute Verlorenheit des Menschen, der nur durch einen gewissen Erlösungsmechanismus aus göttlichem Tun, quasi durch einen (lat.) deus ex machina, einen Gott, der wie eine Maschine arbeitet, befreit werden könnte.
  12. Die Erzählungen der Urgeschichte bilden eine zusammenhängende, feinsinnige Erzählkonstruktion aus. Diese Konstruktion der Erzählelemente verdeutlicht von Stufe zu Stufe mehr den (lat.) homo incurvatus in se ipsum, den in sich selbst verkanteten Menschen, der in seine eigene Falle läuft - und durch Gottes Entscheiden und Handeln aus dieser Falle herauskommt. Alle Sündenfallsgeschichten korrespondieren insofern mit Befreiungsgeschichten. Aber auch diese Befreiungserfahrung ist eben nicht ein stereotyp übergestülptes Ereignis, sondern die dialogische Erfahrung des Menschen mit seinem befreienden Gott, der dem (lat.) incurvatus in se ipsum nachgeht, ihn zu Öffnung und Umkehr einlädt und so Befreiung des Menschen aus den Möglichkeiten des Menschen intendiert. Alle Sündenfallsgeschichten sind insofern auch um so mehr Heils- und Bündnisgeschichten, wie wir an den Noahgeschichten am deutlichsten sehen können.
  13. So stehen diesen Niedergängen stets auch Aufrichtungen entgegen: die immer neuen Bundesschlüsse und Vergebungszusprüche der Urgeschichte: Adam darf überleben und das Menschengeschlecht begründen, Enosch, der Mensch, Sohn Adams wird geboren, seit dessen Ankunft auf der Erde Jahwe angerufen wird, so der Jahwist (Gen 4,26). Dem Kain wird vergeben. Er wird mit dem Kainsmal gekennzeichnet, ein Vergebungs-, ein Bewahrungsmal, keine Brandmarkung. Mit dem Verbot der Rache an Kain, dem Mörder, wird auf ewig die Blutrache, ja das Töten um eines Mordes willen, verboten. Also, die Todesstrafe und die Blutrache werden auf der dritten Seite der Bibel verboten! Dem Mörder Kain wird eine Chance zur Rehabilitation gegeben.
  14. Kain begründet das Kainitergeschlecht. Gerade in den Völkertafeln und Geschlechtsregistern (5,1ff P; 6,9f P; 10,1-7.20.22f.31f P; 11,10,10-27.31f P; 4,17-24 N; 4,25f J; 9,18-20.28f J; 10,8-19.21.24-30 J; 11,28-30 J). kommt es zu immer neuen Verknüpfungen der Namen und damit zur inhaltlichen Verschränkungen. Namenslinien, die unentwegt Tode auszuspucken scheinen (z. B. die Kainiten, eskalierend in Lamech) enthalten Geschlechtslinien von Hirten und Musikern, Berufs- und Menschheitsgruppen, die weniger das Schwert als die Zärtlichkeit leben (vgl. Gen 4,17-24). Und Lamech, der Wüstling unter dem Wüstlingen, wird - in einer anderen Linie, der Set-Tradition - doch zum Stammvater des gerechten Noah (Gen 5,25): Die Menschheit kann nicht problemlos in gute und schlechte Menschen eingeteilt werden: Güte und Bosheit mischen sich in den jeweiligen Geschlechterlinien. Volk und Nachkommenschaft als entartet oder gut zu benennen, entspricht nicht der Realgeschichte der Völker, schon gar nicht der Absicht der Bibel.
  15. In diesem Sinne müsste ich sagen: Die Urgeschichte ist eher eine Geschichte der immer neuen Zumutungen Gottes an sich selbst, mit diesem verqueren und desorientierten Menschen weiterzumachen, nach Lösungen zu suchen, die die Dialogfähigkeit des Menschen auf eine einigermaßen vernünftige Zukunft hin garantieren. So ist selbst die Entscheidung des Schöpfers, das Lebensalter des Menschen stets zu verkürzen, eine Tat, die das Überleben des Menschen ermöglicht.
  16. Insgesamt müssen, wenn wir die Sündenfallsgeschichte nachvollziehen, die Bundesschlüsse immer neu entdeckt, von uns selbst wahrgenommen, ja gelebt werden.
Quellenscheidung
Ich nehme die Quellenscheidung nach Georg Fohrer, Vom Werden und Verstehen des Alten Testaments, Gütersloh 1986, S. 48ff., vor. der sich auf seinen Lehrer Eisfeld stützt. Eisfeld schreibt in den 20er Jahren, in der die biblische Wissenschaften von einem Optimismus getragen wurden, Quellenscheidung bis in die letzte Silbe hinein vornehmen zu können. Inzwischen haben wir begriffen
  1. Der Weg der absoluten und irrtumsfreien Quellenscheidung bis ins letzte Komma hinein stößt an seine Grenzen, ist nicht möglich.
  2. Nachträge bis in die Zeit nach der Übertragen des AT ins Griechische (LXX), mit denen sich die > LXX von der > Masora unterscheidet, weisen darauf hin, dass das AT bis spät in die nachexilische Zeit hinein durch Glossen und theologische Aperçus erweitert wurde.
  3. Oft genug sind diese Erweiterungen Träger wichtiger theologischer Bedeutungen.
  4. Dennoch ist die Grundarbeit, die die > Quellenscheidung leistete, nicht zu vergessen oder zu verdrängen. Quellenscheidung bleibt ein maßgebliches Hilfsmittel, die biblischen Texte in ihren Einzel- und Gesamtintentionen besser zu verstehen.
  5. Nach Vorstellung der Quellenforscher kommen sowohl > Elohistische wie auch > Deuteronomistische Quellen innerhalb der Urgeschichte nicht zum Zuge (> Quellen und Quellenscheidung im Ersten Testament).
Priesterschriftliche Texte in der Urgeschichte, in der Exilszeit entstanden
1,1-2,4a | Schöpfung
5 | Urväter (Stammbaum Sets)
6,9-8,22*(J) | Sintflut
9,1-17 | Zusage an Noah und Verpflichtung Noahs
10,1-7.20.22f.31f | Völkertafel
11,10-27.31f | Stammbäume Sems, Terachs und Abrahams
Jahwistische Quellenschicht in der Urgeschichte, zur Zeit des Königs Salomo schriftlich fixiert
2,4b-3,24*(N) | Schöpfung, Paradies, Fall und Fluch
4,1-16 | Kain und Abel
4,25f | Set
6,5-8; 7,1-8,22*(P) | Sintflut
9,18-20.28f | Sem, Ham und Japhet
10,8-19.21.24-30 | Völkertafel
11,28-30 | Stammbaum Abrahams
Nomadische Quellenschicht in der Urgeschichte, zur Zeit des Königs Salomo mit den Erzählungen des Jahwisten vereinigt
2,8* (J) | Mensch in Eden, Lebensbaum, Vertreibung
3,18-19a.21.22b.24**
4,17-24 | Kainiten und Kultur
6,1-4 | Entstehung der Riesen
9,21-27 | Noa und der Weinstock
11,1-9 | Turmbau und Zerstreuung
Quellentheorie oder nicht?
Die Quellentheorie ist ins Wanken geraten. Es werden verschiedene andere Theorien entwickelt, z. B. erfreut sich eine Theorie besonderer Beliebtheit, es habe auswuchernde Prozesse gegeben, immer wieder Kommentare zum Kommentar, nicht als theologisch-dogmatische Korrektur, sondern als eingefügte Erzählung, die das bisher Erzählte keineswegs aufhebt, aber doch erzählend ergänzt. Wenn wir beides vorsichtig miteinander verbinden, die Quellentheorie keineswegs aufheben, aber doch das Ergänzungsschema zulassen, weil es sehr einsichtig ist, wird die Gradlinigkeit von ehedem verlassen. Wir nähern uns so den historisch gewachsenen Strukturen. Fohrer nimmt die Kommentartheorie auf. Er spürt ein H (Hagada, Halacha) an vielen Stellen auf, freilich in der Urgeschichte, soweit ich es überblicke, nicht.
Sündenfälle und Bundeserneuerung in der Urgeschichte, Beobachtungen
Schöpfung und Garten Eden (Gen 2,4-25)
Sexualität und Sehnsucht nach dem Partner sind nicht Sünde, sondern Ergänzung des einen durch den anderen. Die Menschen erkennen sich, Mann und Frau, begegnen sich in der Geschlechtervereinigung, erkennen dabei: „Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch“, Gen 23,23). Das Hebräische hat ein Wort für Verschiedenes, hebr. jadah heißt: erkennen in einem geistigen Sinne, als Erkenntnisprozess, zugleich auch im Fleischessinn: hebr. jadah kennzeichnet auch den Geschlechtsakt. Das gr. gignoskein, erkennen, hat ebenfalls diese doppelte Bedeutung, auch das deutsche erkennen, jedenfalls in der biblischen Sprache.
Sündenfall 1: Sollte Gott gesagt haben? (Gen 3,1-24)
Symbolgeschichtlich ist die > Schlange eher Symbol der Fruchtbarkeit der Erde, dies vor allem in Ägypten. Aber das Schlangensymbol taucht auch im Bild des furchterregenden Leviathan, der Mitgardschlange auf. Die Spiegelungen, die die Schlange in der Ägyptentradition Israels und in der Auszugserfahrung erfährt, zeichnen die Schlange eher als rettendes Kultsymbol Israels, das nicht von Zwiespältigkeit frei ist: Die Schlange ist Heils- aber auch Unheilsbringerin (Num 21,9; vgl. Joh 3,14). Die > Schlange wird von Zeit Salomos an, als die jahwistishe Sündenfallgeschichte (Gen 3,1ff.) notiert wird, als 'Eherne Schlange' im Tempel verehrt. Erst von Hiskia wird dieses Kultsymbol für Gott Jahwe zerstört. Umso mutiger ist der Jahwist, wenn er nun die Schlange zum Symbol der Verführung zur Selbstherrlichkeit des Menschen macht. Alle Pracht- und Machtentfaltung der Menschen (wie sie z. B. Salomo betreibt) ist Selbstverführung des Menschen, die diesen zum Nicht-Menschen, zum Gegenentwurf des Menschen macht. Es spiegelt sich also in der Geschichte Gen 3,1ff eine unausgesprochene Kritik an der Königsherrschaft und an der Unterwerfungspraxis, wie sie Salomo übt, wider. Der König, dessen Amt nach altisraelitischem Jahwerecht sowieso kaum eine Berechtigung hat und der in dem freien Israel wieder ägyptische Unfreiheit und Unterdrückung einführt, wird kritisiert: Frondienst, den Israel zum Bau der ägyptisch anmutenden Paläste und Verteidigungsanlagen Salomos leisten muss, und der ägyptische Schlangenkult, den Salomos ägyptische Frauen mitbringen, werden miteinander assoziiert. So wächst eine erhebliche Kritik am Königsamt, das Ägypten blind nachahmt, eine scharfe Kritik an der Prachtentfaltung des selbstherrlichen Menschen, der sich über die Masse erhebt indem er sein Ich potenziert. Die Uräusschlange gilt in > Ägypten als Gott, der das Licht der Sonne zu den Pharaonen bringt und sie zu Gottessöhnen macht. Diese Verbindung zur Sonnengottheit symbolisiert sich in der Krone des Pharao, die mit einem Stab, um den sich eine Schlange windet, geschmückt ist. Der Pharao ist ein Gottkönig. Wenn Salomo ein Schlangenbild im Tempel aufstellt, betritt er diesen Weg Ägyptens, vor dem die Propheten immer wieder warnen. Der Pharao hat keine göttliche Macht. Sie wird ihm, biblisch gesehen, abgesprochen. Und der König in Israel darf diesen Pharaonenstil nicht läppisch nachahmen. Das ist Sünde! Gottes Macht war und ist es, ein Volk von Sklaven zu gleichberechtigten Menschen in dieser einen Menschheit zu berufen. Frondienst ist Rückkehr in Ägyptens Verhältnisse! Auch dafür gibt es ein Symbol, sogar in Ägypten: Eine zweite Schlangengestalt, die Apophisschlange, symbolisiert die Kraft von unten, das Chaos, die Revolutionskraft der Sklaven und Entrechteten. Nicht umsonst erhält die > Schlange in der Mosetradition diese Stellung: Sie beschwört und demonstriert die Macht der Hebräer. Die Schlange wird zum zu einem Bedrohungs- und zugleich Befreiungssymbol. Immer dann, wo Israel in ägyptische Zustände zurückfällt, die einen brutalen Kapitalismus mit der Ausformung von Bedrückung und Sklaverei beinhalten, bedroht die (Uräus)Schlange, in der sich der Absolutheitsanspruch des Pharao symbolisiert, die Zukunft. Im Hinschauen auf, in der Hinwendung zur (Apopis)Schlange, die ja die Menchheitsbefreiung aus der Sklaverei symbolisiert, wird Israel in eine neue Gerechtigkeit, und damit in eine gut Zukunft berufen (Ex 4,3; 7,9ff.; Num 21,6ff.; Dtn 8,15; 32,24).  Nur so kann unter Salomo die Schlange in den Tempel kommen, indem Salomo auf die Mosetradition öffentlich anspielt. Dennoch werden spätere Generationen gerade in diesem Schlangenbild den Abfall vom wahren Gott Israels erkennen und ihre Abschaffung fordern. 'Wie Gott sein wollen' meint die Selbstüberschätzung des Menschen, die zugleich den Verlust von Mensch und Menschlichkeit in sich trägt. Die Unterscheidung von Gut und Böse meint nicht ein Mehrwissen, das sich in einer neuen, radikalen Ethik des Menschlichen vorstellte. Gerade so geschieht die gerissene Verführung! Sie meint die Kunst des Menschen, sich selbst zu überheben und zu überschätzen, alles zu wissen und alles zu können. Der Mensch redet sich selbst ein, alles sei machbar. Das Machbare müsse sich allerdings an seiner Machbarkeit, an Erträgen und Zugewinnen messen lassen. Aber was dann machbar sei, eben das wirtschaftlich, politisch, sozial Machbare, sei dann auch wirklich das Gute! Die Idee vom Übermenschen nimmt Gestalt an, eine neue Moral der Stärke und Machtpotenzierung kommt schleichend daher. Am Horizont der Kulturgeschichte wird bereits jetzt der Übermensch sichtbar, der große Teile der Menschheit zum Untermenschentum deklassiert, wie er in Ägyptens Hierarchie damals und heute in so vielen Unterwerfungsmechanismen spürbar wird. Die Erfindung einer Moral der Macht und des Machbaren, aus der der Dialog des Menschen mit seinem Schöpfer, der sich als der befreiende und rettende Jahwegott den Schwachen zuwendet, zugunsten einer Ideologie der Stärke verdrängt wird, entfremdet den Menschen aus Gott und von sich selbst. Indem er seinen Gott wegstellt, entstellt der Mensch seine Geschichte. Gott ist keineswegs als die Apotheose einer frömmelnden, sich selbst genügenden Religion gemeint, sondern diese Herausforderung, dialogisch und partnerschaftlich mit dem Leben das Leben zu gestalten, die Ehrfurcht vor Gott als Ehrfurcht vor dem Leben zu bündeln. Der Fluch, der auf dem Menschen ruht, an den Acker und seinen Besitzer und Bebauer gebunden, meint die Selbstvernichtung der Kultur, die Selbstentfremdung des Menschen von sich selbst durch Arbeit. Arbeit adelt nicht, gibt auch nicht einfach dem Menschen einen Lebenssinn. Arbeit ist das Überlebensprinzip des Sysiphus, der vegetiert, aber kaum existiert, dessen Lebensaufgabe Schweiß und Tränen sind, dessen verborgener Lebenssinn immer neue Lebensversuche und immer neue Niederlagenbeinhalten, die er nie verstehen wird, diese Tretmühle der Angst, mit der ich mich selbst ins Grab trete, diese vage Vorstellung, Leben zu zeugen, gleichzeitig aber Leben zu bedrohen und zu vernichten. "The lost Paradise" und "Jenseits von Eden" sind die Kehrseiten einer Medaille: der Mensch in Angst vor sich selbst. Nachdem er die Freiheit wählte, bestimmt dieser Mensch sich zu Mühen, Misstrauen, zu Flucht und Sterben. Wissen, das sich zur Macht ausbildet, schließen sich nicht prinzipiell gegenseitig aus. Aber die Angst, die im Verhältnis der Steigerung meines Wissenspotentials sich als Angst vor dem anderen potenziert, wächst mit den Anteilen der mir selbst zugesprochenen Macht. Und dem anderen geht es nicht anders. Die Eskalation der Macht, die den Krieg zwangsläufig provoziert, ist geboren. Die Spirale der Angst und mit ihr die Spirale der Gewalt und der Vernichtung von Leben ist unwiderruflich erfunden und wird zwangsläufig weiterentwickelt. Diese Geschichte läuft in sich stringent ab - und doch nicht stringent. Stringent wäre, wie angedroht, die Auslöschung des Menschen. Die Vertreibung des Menschen aus der Nähe des Lebensbaumes diktiert den Tod. Aber der Tod wird verwandelt, wird in ein sich zur Zukunft entwickelndes Überleben von Gott umgeschrieben. Der Tod, der ratenweise eintritt - und so Leben doch noch ermöglicht, ist die barmherzige Antwort eines Gottes, der weiter den Dialog mit dem todessüchtigen und todeswürdigen Menschen sucht.
Sündenfall 2: Kain bringt Abel um (Gen 4,1-16)
Die Ursünde des Menschen: seine Angst, der andere könne mich übervorteilen, besser sein, mehr Macht und Einfluss gewinnen. Die eine Kultur, die des Flüchtlings, des Nomaden, dessen, der ohne Besitz auf der Erde umherirrt und immer erst den Besitzenden, den Landbesitzer fragen muss, ob er mit seinen armseligen Ziegen einmal mehr übers Feld des Reichen ziehen dürfe. Abel ist Nomade, der immer in Abhängigkeiten steckt, jedenfalls mehr als der, der Grund und Boden, Acker und Vieh und alle Güter, Maschinen und Fabriken besitzt, die mehr sind und mehr wert sind als armseliges Herdenvieh, das schon morgen in der aufziehenden Dürre verrecken kann. Namensdeutungen mögen helfen, weiter zu erläutern: Kain, (Hebr.) kajin heißt: gründen, schaffen, bereiten, hervorbringen, vor allem: schmieden, übertragend: erwerben. Ein zweites Verb (hebr.) kajin, ebenso geschrieben, heißt: tönen, klingen, einen Klagegesang anstimmen, die Totenklage halten. Kain ist also der, der den Erwerb schafft, der das Erz läutert und schmiedet und neben dem Pflug auch das todbringende Schwert erfindet - und so die Klage über gewaltsame Tode, über Mord und Krieg auslöst. Allerdings: Auch dieser Sohn, ein Mann, wird von Jahwe geschenkt (ein Wortspiel mit den Wörtern Kain und (hebr.) kajin, erwerben, Gen 4,1): ein Totschläger, ein Schwertschwinger, ein Erwerber wird geboren, der schlechthinnige Mann. Und das sagt Eva, die Mutter aller Lebendigen heißt, wobei der andere Mann, Adam, (hebr. der Mensch), diesen Namen der Frau gab (Gen 3,20). Der Name Abel (hebr.) hebel, assoziiert Nebel, Dunst, hauchen, passiv: flüchtig vergehen; der Hauch des Mundes, der aufhört, wenn der Mensch vergeht: "Jugend und Lebensmorgen sind Hauch" (Pr 21,6.31.31; Ps 39,6).  Hier liegen zwei Prinzipien miteinander im Kampf, nicht nur der besitzende Bauer und der flüchtige Nomade, auch das Prinzip, sich durch Selbstbehauptung, auch durch Mord und Totschlag, festzusetzen, und das Prinzip, das flüchtige Leben als das Eitle zu erkennen, das Flüchtige, das Wesen allen eitlen, vergehenden Scheins: der Mensch weiß um seine Flucht vor sich und seiner Zukunft, um sein Vergehen, weiß, dass er Abel, Windhauch, ist, sonst nichts. Die Ursünde des Menschen, diese Angst: Der Arme, der doch immer um sein Überleben für übermorgen ringt, werde den Reichen doch noch, und dies schon bald, überholen, auspowern und schließlich unterjochen, beherrschen und ausnehmen, wie er, der Reiche, es bis jetzt mit ihm, dem Armen gemacht habe. Dieser Neid der Besitzenden (nicht der Besitzlosen), diese Urangst des Menschen, die irrational und irreparabel ist, diese Angst vor dem Schwächeren, der doch einmal der Stärkere sein könnte, treibt den Menschen in Rüstung und Überrüstung, in Krieg und Gegenkrieg ohne Ende. Dass Kain ins Überleben gerettet wird, gezeichnet durch das schützende Kainsmal, zeigt wieder den eingreifenden, diese Welt zur Versöhnung wandelnden Gott Jahwe, der nicht nur blind den Schwachen schützt, sondern entdeckt, dass in jedem Starken auch ein Schwacher steckt, den er, Jahwe, schützen will. Kain flieht ins Land Nod, was nichts anders heißt als Land der Flüchtlinge, Land aller derer, die ständig auf der Flucht sind, vor sich selbst und ihrem Nächsten, weil die Angst die einzige Triebfeder ihres Handelns wurde. Das Verb hebr. nod heißt eben: fliehen! Diesen Kain zu entängsten, ist Gottes vornehmste Aufgabe an Kain, auch wenn dieser nun jenseits von Eden, jenseits des Friedensgartens leben muss.
Sündenfall 3: Gewalt eskaliert (Gen 4,17-24)
Die Eskalation der Gewalt wird nicht nur verbal als Gefahr beschworen. Sie wird real beschrieben, wie sie eben passiert. Kain baut die erste Stadt, benennt sie nach seinem ersten Sohn Henoch - und hat damit den Grundstein (im wahrsten Sinne des Wortes) für die Verschlimmbesserung der menschlichen Situation gelegt. Nicht, daß wir diese Städtefeindlichkeit des J bzw. von N nachahmen müßten. Aber so erzählt der Bericht: Mit der Städtegründung eskalierte das menschliche Elend, potenzierte sich die Gewalt. Schon in der fünften Generation der Städtebauer kommt es zum Eklat, zum Triumph sinnlosen Menschen- und Völkermordens. Lamech (unersättlich) nimmt sich zwei Frauen, Ada und Zilla. Ada, die erstgenannte, wird die Stammmutter aller Hirten und Wandervölker, dies in ihrem Sohn Jabal. Sein Bruder Jubal wird zum Stammvater der Musiker, der Zitterspieler und Flötisten: Zwei Menschengruppen, die sich gegenseitig trösten und ergänzen, die als Schwache Halt am Schwachen suchen, musikmachende, umherziehende Zigeuner, Menschen, die Jahwe liebt, weil sie die Schwächeren sind. Auch Zilla, Lamechs zweite Frau, kriegt Kinder, den Tubal-Kain, einer der die Eisenzeit begründet, der Erfinder, der aus dem Eisenerz das Schwert zu schmieden lehrt. Nun werden Kriege schlagartig noch wirksamer, weil die Waffentechnik sich so sehr vollendet. Entsprechend heißt Tubal-Kains Schwester, Naema, die Erfolgreiche, die Liebliche, die auf der Sonnenseite lebt. Aber eben nur in der Scheinidylle. Denn nachdem Tubal-Kain (der Name bürgt für Qualität) seinem Vater Lamech und seinem Vorfahren Kain so sehr ähnelt, eskalieren die Morddrohungen! Was Gott sich als Schutz für Kain ausdachte, die siebenfache Rache an den Mördern Kains, wird nun zur Waffe, mit der die Maßlosigkeit sich nun doppelt und dreifach potenziert. Das Lamechlied, ein uraltes Prahllied, potenziert die Rache mit sich selbst, sieben Mal sieben Mal wird Lamech Rache üben. Die Endlos-Morde, und damit die Endlos-Angst ist unausrottbar geboren und lässt sich nicht mehr verdrängen. Auch hier helfen Namensetymologien weiter: In Ada steckt (hebr.) gehen, fortgehen, wandern, auch: eine Grenze überschreiten, jemanden angreifen, rauben, plündern, eine Beute machen. Im Arabischen ist 'Feind, Fremdling' verwandt. Ada meint aber auch das Anlegen von Schmuck, ein Gewand anlegen, sich (mit einer Handpauke) schmücken. Ada, das sagt ihr Name, ist die Mutter aller umherziehenden Fremdlinge, Flüchtlinge, Nomaden, die Grenzen unsicher machen und sich doch geschmückt zum Tanze bewegen. Sie ist die Mutter aller umherziehenden Nomaden und Musikanten. Zilla kann von (hebr.) zalah abgeleitet werden. Das Verb bedeutet (den Rücken) beugen, auch: spalten, wie eine Axt ein Holzstück spaltet oder einen sich beugenden Kopf vom Rumpf trennt. Das Verb meint auch: durchdringen, Erfolg, Glück haben, wie auch der Geist Gottes Menschen überfällt. Auch Jabal (hebr. bringen, führen, leiten, nämlich: die Herde) und Jubel (das Wiederhören blasen, jubeln, musizieren) sind echte Etymologien. Und Tubal-Kain? Vielleicht ist dieser Name auf den Gleichklang mit Jubal und Jabal aus. So ähnlich können Namen lauten - und wirken sich doch so verschieden in ihren Namensträgern aus. Jedenfalls wird Tubal-Kain mit dem Beruf der Schmiede assoziiert, (hebr. kejin, bedeutet: schneidendes Eisenzeug, also das Schwert, s.o.). Historisch könnte ein Volk im Nordwesten von Mesopotamien gemeint sein, die Tibarener (Jes 66,19), eine Menschengruppe, die auf assyrischen Keilinschriften als Volk der Tabal erscheint.
Sündenfall 4 - Die Riesenpanne (Gen 6,1-4, 5-8)
Der Verfall geht weiter: Mensch und Gott verbinden sich. Des Sündenfalls neue Variante: Genmanipulation, betrieben aus dem Drang, größer, stärker und langlebiger zu werden. Die Versuchung an sich, dem Schöpfer ins Schöpferhandwerk zu pfuschen. Nichts von langjähriger Züchterarbeit ist zu spüren, nichts davon, vom Drang beseelt zu sein, den Menschen zu helfen. Verantwortung für die gemeinsame Zukunft der Menschen könnte aufstehen, statt dessen Drang und Gier nach diesem "Noch größer, schöner, stärker". Alles dreht sich um den großen Größenwahn des Menschen: Riesenkraft, Reckenhaftigkeit und Tyrannei stehen auf und zerstören den Menschen. Kräfte, mit denen sich der Mensch perfektionieren möchte, richten ihn zugrunde. Um nicht wieder ins Moralische und ins Lamento zu kommen: Wir betreiben nicht irgendeine Medienschelte von prüden und angstbesetzten Neurotikern. Wenn sich die Götter mit den Menschen verbinden, entstehen die Titanen, die berühmten Recken der Vorzeit, wie es heißt. Gemeint ist dasselbe wie in Gen 3: die maßlose Gier des Menschen, alles zu wollen, alles zu können, alles zu werden und zu bleiben, zu sein wie Gott, sich ins Göttliche einzuheiraten, um dort ganz sicher Platz zu nehmen, nicht erst irgendwann in der Ewigkeit, nicht auf der Ehrentafel der Geschichte, sondern jetzt und hier, um die eigenen Möglichkeiten auszureizen und so Angst zu verdrängen. Die Vertilgung des Menschen vom Erdboden ist beschlossene Sache. Der Mensch, das vollendetsten Geschöpf der Erde, überschreitet deutliche seine Grenzen, was seine Zukunft auszulöschen droht. "Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein", setzt Gottfried Benn zu einer satirischen Lobeshymne auf den Menschen an und trifft ins Schwarze. Nicht an seiner Intelligenz wird der Mensch zugrunde gehen sondern an der Unterentwicklung seines Sozialbegriffs. Gericht findet nicht als das Handeln eines deus ex machina, eines Gottes wie eine Maschine, statt, sondern als der Vollzug der Geschichte, die sich aus dem maßlosen Handeln des Menschen selbst vollendet, bzw. genauer: auslöscht. Auch noch nach dem Verlust von Feindbildern und absoluten Gegnern hat die Menschheit die Möglichkeit, im dritten Weltkrieg, einem Atomkrieg, diese Erde im Handumdrehen in eine Supernova umzubilden, der für Weltsekunden die Genugtuung einer außerordentlichen Helligkeit bleibt, der allerdings niemand noch gewachsen ist. Auch hier gilt: die Langmut Gottes vernichtet den Vernichtungswillen der Geschichte, besser: verwandelt ihn zur Überlebensstrategie in eine nicht gerade glänzende Zukunft. Nach der Sintflut darf der Mensch Fleisch essen, was vorher gar nicht gedacht werden konnte und ausgeschlossen war. Nicht dies ist die Entwicklung der Menschheit: vom Menschenfresser zum Zivilisten und Moralapostel, sondern eher: vom unschuldigen Körnerfutterer zum Fleischvertilger, vom Freund zum Feind, vom Bruder zum Brudermörder, vom Hirten und Flötenspieler zum Waffenproduzenten, vom selbstgenügsamen Wüstenbewohner zum alles verlangenden, alles verschlingenden Städteusurpator, vom freundlichen Artgenossen zum  menschenverachtenden Titanen, der vor nichts mehr Halt macht und streng und kompromisslos seine Selbstvernichtung plant. Erstaunlich, was Gott sich alles zumutet: das NT im AT, die Strapazierung seiner Geduld und Güte durch menschliche Anmaßung und Angst.
Sündenfall 5 – Gewalt und Entblößungen (Gen 9,18-27)
Das Gericht geschah. Die Menschheit wurde gereinigt, der schuldige Rest zynisch vernichtet. Nach dieser Selbstzerstörung Gottes, der ja sich selbst Angriff, indem er seine Schöpfung auslöschte, sind so viele Möglichkeiten einer verbesserten Menschheit offen. Das Gegenteil ist der Fall. Kanaan sieht die Blöße seines Vaters Noah und entblößt sich selbst allen Schamgefühls. Die Emanzipation des Sohnes über den Vater, der im Rausch wehrlos wird, wird zum Gericht an Kanaan, der einfach zu unverschämt, zu unbedarft, zu unverschämt mit Intimitäten umgeht. In einer Welt, in der Inzest durch die Religion gestattet und gefördert wurde, nämlich in Ägypten, in Phönizien und Babylon, bringt Israel eine Religion herauf, die den Intimraum des Schwachen schützt. Die Floskel, die Begründung aus dem Ersten Gebot: "...das sage ich dir, Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, dem Unterdrückerstaat befreite..!" steht auch am Ende der Inzestverbote des Ersten Testaments (Lev 18,1-30). Die Verfluchung Kanaans meint den selbstgewählten kulturellen Untergang einer Welt, in der Kindersex und Kinderpornographie 'in' sind. Nicht um hier den tabuisierenden Zeigefinger zu erheben, wird dieser Sündenfall eingefügt, sondern um den Schwachen als den zu erkennen, der er ist: das ungeborene Kind im Bauch der Mutter, der Säugling in der Wiege, das Schulkind in seinem Schlafzimmer. Das Ende der Kultur ist nicht im Ende des Wohlstandes zu sehen, sondern in der Versklavung und Verknechtung an Mächte der Gesellschaft, denen die Ehrfurcht vor dem Leben zu einem hohnlachenden Begriff wurde. Angst hat sich inzwischen in Sadismus verwandelt: das Türkenkind wird verbrannt, der Zigeuner verjagt, die Jüdin vergast, damals und demnächst wieder. Wann werden wir begreifen, dass die Angst, die wir ausstreuen, mit der wir andere bange machen, demnächst als alles zerschlagender Bumerang auf uns zurast (Gen 9,25-27) ?
Sündenfall 6 – Von der Jagd zum Städtebau;  Nimrod, der erste Machthaber (Gen 10,8-10)
Eine kleine Notiz, gern überlesen. Was ist auch schon in so einer langweiligen, unsinnigen Liste von Erbfolgen zu finden? Nimrod, der erste Jäger, eine gewiss mythische Gestalt, der erste Machthaber. Die Städte werden genannt, die er an sich reißt: Babel, Erech und Akkad, alles Städte aus dem babylonisch-akkadischen Bereich. Erech ist ein älterer Name für Uruk, die Stadt Sumers. Wichtiger als diese geographischen Hinweise ist die mit dieser Notiz verbundene Symbolik: Der Mensch, der noch ein Jäger ist, beginnt bereits von Großreichen zu träumen  und fängt an, sie sich zu erschaffen. Der Jäger, der Nomade wuchtet Städte hoch, ein Widerspruch in sich selbst. Denn was könnte er innerhalb der Stadtmauern erjagen? Es ist die Macht, die den Menschen zur Macht verführt.
Sündenfall 7 - Turmbau zu Babel (Gen 11,1-9)
Der Name Land Sinear, ein akkadischer Name für das Land Mesopotamien, der später zum Synonym für das babylonische Reich wurde, ist zunächst neutral gemeint. Im Laufe unserer Erzählung aber wird das so bezeichnete Land zu Babel. Das heißt in der Sprache der Babylonier Tor Gottes. Von den Juden aber wird Babel mit dem hebr. Verb balal, mischen, verwirren, in Verbindung gebracht. Welche Ironie! Die Stadt und der Turm, die aus menschlicher Absicht zum Tor Gottes hätte werden sollen, geraten zum zeichenhaften Monument, dass die eine Menschheit sich verwirrt, zerstreut und in viele gegensätzliche Menschheiten aufteilt. Die Überheblichkeit der Menschen und ihre Maßlosigkeit ruft diese Entwicklung hervor, eine Entwicklung zum Tode, die mit der Maßgabe: Höher, weiter, schneller, besser, stärker eingeleitet wird. Die babylonische Sprachenverwirrung meint nicht nur unser selbstgemachtes Verzweiflungsesperanto, wenn wir hilflos (wohlgemerkt: wir selbst im Ausland) einem Ausländer gegenüberstehen und eine Bitte artikulieren. Das Babylon der Verwirrung meint auch unsere Neigung, das Wörterbuch der Menschheit mit immer neuen Wörtern anzufüllen, die Konflikte zu verharmlosen, Krankheiten zu Gesundungsprozessen umzuwidmen und das Waldsterben zu einer leichten Braunfärbung umzustilisieren. Diese Verwirrung stiften ein paar Mächtige, die die Medien regieren und besitzen: Aus Schwarz wird Weiß, aus Weiß Schwarz! Es vermischen sich nicht nur die verschiedenen Sprachen, dieses Manko wäre durch eine perfekte Dolmetschung auszumerzen. Es geht eher um die sich widersprechenden und uns alle verwirrenden Ideologien der Macht, die zu tödlichen Feindschaften führen, die aus der Angst und dem Misstrauen voreinander wachsen, aber auch aus der Amtsanmaßung des Menschen, diese Rasse, jenes Volk stelle eine Elite der Menschheit dar und könne die anderen, die minderwertigen Leute, die Untermenschen, ausrotten.  Nicht nur die Mächtigen werkeln an diesem Todesturm, sondern wir alle, ganze Gesellschaften, ganze Völker, ganze Rassen. "Es hatte alle Welt einerlei Sprache und einerlei Worte!" (11,1). Das ist längst vorbei. Jeder spricht sein eigenes Parteichinesisch, badet sich in seiner Ideologie, mit der er den anderen nicht mehr versteht und mit der er ihn bedroht. Gott, so heißt es ironisch, musste vom himmlischen Thronsitz niedersteigen, um sich das Machwerk der Menschen genauer anzusehen. Von oben herab erschien es ihm doch zu winzig. Und wieder, selbst in dieser ironischen Verfremdung, zeigt sich seine Größe und Großmut! Er stellt sich auf die veränderte Situation der Menschen ein: Wenn dieser Mensch unbedingt immer und immer wieder seine eigene Größe demonstrieren will, sich, wie es die Erzählung ausdrückt: einen großen Namen machen will, dann muss ich, Gott ihm „einen Stachel ins Fleisch“ setzen, wie Paulus es auf seine existentielle Weise ausdrückt. Aber ich werde diesen Menschen nicht vernichten. Der Mensch soll täglich, rein sprachlich, seine Grenzen spüren, damit er erinnert wird: „Ich handele töricht und selbstzerostörerisch, wenn ich mich zu meinem eigenen Gott mache!“  „Täglich soll der Mensch, das Los des Sisyphus auf sich nehmend, sich mühen, sich anstrengen, sich quälen, um seine Größe zu entwickeln. Soll er doch, der Mensch. Aber ich werde ihm die Sprachbarriere in die Seele setzten, und ihn so zerstreuen, nur zu Erinnerung, wie klein und schwach dieser Erdling doch ist. Aber vernichten will ich ihn nicht“, so der theologische Textinhalt, als Gottes Selbstgespräch formuliert. Zerstreuung meint den immer neuen Unfrieden, die stets aufbrechenden Missverständnisse und Ungleichheiten der Menschen, ihren Rassen- und Klassenhass, ihre nationalistische Verblendung, ihre Angst voreinander und ihre Genozide gegeneinander. Und die tiefverborgenen Völker- und Menschenmorde in unseren Familien, Klassen, Peer-Groups. Das alles passiert. Gottes Antwort ist die Sprachverwirrung, die innere und äußere. Keiner versteht mehr den anderen. Das gilt für die Abgrenzung der einen Kultur gegen die andere. Das gilt auch im überschaubaren Gesellschaftsrahmen: Obwohl wir uns, rein verbal, noch verstehen, versehn wir uns nicht. Es gibt zu oft eine Nichtkommunikation auch zwischen Menschen eines Sprachraumes, einer überschaubaren Menschheitsgruppe. Die nachfolgende Tat des Menschen ist es, die Angst voreinander, die Missverständnisse miteinander zu einem Konglomerat von Hass, Neid und Krieg weiterzuentwickeln. Gabe Gottes ist das Dennoch der Existenz des Menschen. Der Mensch darf und soll leben. Er soll mitten in der Sprachverwirrung die Solidarität entdecken. Das ist seine große und schwere Aufgabe in diesem selbstgemachten Desaster seines Größenwahns.   
Die verheißene neue Einheit
Die Einheit der Völker wird im AT und NT geschaut. In der Apokalypse des Johannes 7,9-10 wird die Einheit der Völker auf dem Zion, im AT so oft verheißen, geweissagt. In der Pfingstgeschichte wird die Sprachlosigkeit und Sprachverwirrung der Menschen überwunden (Apg 2,5-12). Beide Geschichten gelten als Erfüllungsgeschichten ersttestamentlicher Verheißungen, wie sie bei den Propheten immer wieder auftauchen, vor allem bei Deuterojesaia. Es handelt sich um weiterführende messianische Kommentare zu den Erfahrungsbildern des AT, wie wir sie in der Turmbaugeschichte vorfinden. Die NT-Berichte erzählen, wie aus der verfahrenen Vergangenheit ein Utopieentwurf wächst, der, auf Gottes Verheißungen gründend, die erfüllte Gottesgegenwart, mitten unter seinen Menschen, vorstellt.
Der gnädige Gott und der erneuerte Mensch im Spiegel der Stammbäume und Völkerschaften
4,25ff. | Set
5 | Urväter (Stammbaum Sets)
4,17-24 | Kainiten und Kultur
6,1-4 | Entstehung der Riesen
9,1-17 | Zusage an Noah und Verpflichtung Noahs
9,18-20.28f. | Sem, Ham und Japhet
10,1-7.20.22f.31f. | Völkertafel
10,8-19.21.24-30 | Völkertafel
11,10-27.31f  | Stammbäume Sems, Terachs und Abrahams
11,28-30 | Stammbaum Abrahams
Ohne Bedeutung?
Die hier aufgezeichneten Texte fallen oft genug hinten runter, wenn es an die Exegese der Urgeschichte geht. Man redet von Bruchstücken einer Urüberlieferung, die die Sammler der Traditionen noch hätten unterbringen müssen, dies in den je verschiedenen Traditionen von J, P und N. Das ist sehr oberflächlich gesprochen. Vielmehr stecken in den Namenslisten erhebliche Etymologien, deren Entschlüsselung uns Hinweise auf eine in den Text hinein verborgene Theologie geben.
Von Set zu Enosch
Ich kann irgendwo beginnen, z. B. in der Set-Linie: (hebr.) Enosch-Mensch, ist der Enkelsohn Adams und Evas aus dem Set-Geschlecht. Nicht ohne Grund heißt dieser Enkel Adams, einfach Mensch: "Damals fing man an, den Namen Jahwes zu verehren!" (Gen 4,26). Mitten in dem Niedergang der Menschheit ein Hoffnungssignal: Der Mensch wird doch noch Mensch, indem sich Jahwe seinen Menschen zu erkennen gibt und diese seinen Namen ausrufen, mit ihm ins Gespräch kommen, während Enoschs Vater, Set, noch auf dem Hintern sitzt. Eine tiefe Erkenntnis: Alle Menschwerdung geht mit der Anrufung, Anbetung, Erfahrung Jahwes einher. Aller aufrechter Gang, der nun eingeübt wird, alle Befreiung aus Unterdrückung und Elend beginnen, indem Jahwe sich seinem Menschen schenkt, dem (hebr.) enosch, Ehrenname: Mensch! In dieser Winzigst-Anzeige, "Der Mensch wird geboren" enthüllt sich zugleich Gottes Name, wird dieser in der Geschichte der Menschheit relevant. Anders: In der Offenbarung des Jahwenamens, des Gottes aller Entrechteten und Unterdrückten, nimmt die Befreiung der Menschheit zur Menschlichkeit ihren Lauf. Gestützt wird diese Auslegung durch die Etymologie, die der Jahwist gleich mitliefert: Abgeleitet von (hebr.) schit, setzen, einen neuen Anfang machen, bedeutet dieser neue Anfang zugleich einen neuen Bund, den Gott mit seinen Geschöpfen schließt. Hier wird also ein neuer Anfang gemacht, ein Fundament gelegt, der Podest (auch Hintern) geschaffen - das alles kann Set heißen. Freilich: Set ist immer noch der, der auf dem Hintern sitzt! Erst sein Sohn, Enosch, ein feierlicher Name für Mensch, wird ganzer Bündnispartner des Gottes Jahwe, der nunmehr seinen Namen bekannt gibt, so der Jahwist. Dieser neuen Menschheitslinie aus Set schenkt Gott mit der Geburt des Enosch, des Menschen, seinen vollen Jahwenamen, mit dem er den neuen Anfang setzt. So wird vom Jahwisten ausgelegt: Eva nennt ihren neuen Sohn Set. "Denn", so sagte sie, 'Gott hat mir einen anderen Spross gegeben ans der Stelle Abels, da Kain ihn erschlagen hat'" Scchon mit der Geburt des Eet wird der Hoffnungskeim auf eine neue Menschheit gelegt Gen 4,25). Du Enosch, der Mensch, findet im Barnascha, im Menschensohn, seine Vollendung!
Henoch
Nun taucht in der Set-Linie auch Henoch auf, dessen Lebensalter eine runde Zahl aufweist. Henoch wird 365 Jahre alt. Das sind eben so viele Jahre, wie das Sonnenjahr Tage hat. „Henoch wandelte mit Gott. Dann war er nicht mehr; denn Gott hat ihn hinweggenommen" (Gen 5,24; vgl. 2 Kön 2,11f.). Wie Elia verschwindet Henoch auf geheimnisvolle Weise, eine Andeutung, die nachfolgende Generationen zu immer neuen theologischen Spekulationen und Kreationen zum Namen Henoch reizte. Ein Henochbuch (2. Jh. v. Chr.) ist uns nur in äthiopischer Übersetzung erhalten, ein apokalyptisches Werk, dessen weitere Abwandlungen in zwei slawischen Henochbüchern uns überliefern werden. Henoch taucht also später in der jüdischen Geistesgeschichte wieder auf. Er wird zu einem der Väter der Apokalyptik. Nach ihm wird die eben erwähnte Henoch-Apokalypse benannt. Bezeichnenderweise taucht der Name Henoch in der Urgeschichte ein zweites Mal auf, in der Stammlinie der Kainiter. Er ist der Urgroßvater Lamechs (Gen 4,17-25). Selbst Henoch, dem eine Hinwegnahme durch Jahwe zugesprochen wird, dem also eine Himmelfalhrt geschenkt wird, gehört in die Krise der Menschheitsgeschichte hinein, ist in die Kains- und Lamechblutspur hinein verwoben.
Nochmals Lamech
Auch dem Namen Lamech ergeht es ähnlich verblüffend. Lamech, der wildeste Sproß der Kainiter, der Schwertmenschen, ihre blutigste Eskalaltion, taucht zugleich im Stammbaum des Noah auf. Lamech ist erstaunlicherweise auch der Vater des Noah. Von Noah aber wird gesagt: "Dieser wird uns Trost verschaffen in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände aus dem Ackerboden, den Jahwe verflucht hat" (Gen 5,29 P). Erstaunliche Verschränkungen sind das. So tauchen in der Kainslinie plötzlich Jabal und Jubal auf, friedfertige Nomadensprösslinge, der Viehzucht, der Musik und dem Tanz zugetan. Lamech, der aggressive Nachkomme des Mörders Kain, der kein Maß und kein Ziel kennt, wird Vater des gerechten Noah. Henoch, eben noch Urgroßvater des verderbten Lamech, wird zum Großvater des Noah, der der Menschheit Trost und Hoffnung verschafft. Dies alles kann nur bedeuten: Es gibt keine Guten und Bösen, Schlimmen und Gerechten. Sie, alle Menschen, sind in den Unglauben eingebettet, damit Gott sich ihrer aller erbarme (so Paulus, Röm 11,32). Weniger theologisch ausgedrückt: Die Namenslisten bezeugen eine tiefe Weisheit: Es kann kein Volk so schlecht, keine Familie so schlimm sein, dass Gott sie nicht zum Guten reaktivieren könnte. In jeder Rasse, Hautfarbe, Kultur, in jedem Volk, in jeder Gesellschaft (dafür sind die Stammbäume Synonyme) kann es nicht so fürchterlich zugehen, als dass nicht Menschlichkeit und Neuanfang des Guten geboren werden könnten. Was die Bundesschlüsse des Ersten Testaments, z. B. auch der Noahbund, auf ihre Weise deutlich theologisch ausdrücken wollen, sagen die Stammbäume leise und indirekt: Gott, der Gott aller Menschen (Gen 4,26), ist zugleich der erbarmende und erneuernde Gott, der mit diesem verlorenen Menschen Zukunft sucht. Mitten in allen Niedergängen und Verzweiflungsentwicklungen der Menschheit setzt Gott Neuanfänge, Hoffnungen und die tiefe Erkenntnis, dass die Kains und Lamechs nicht auf ein Volk, eine Rasse, einen Erdteil beschränkt werden können. Er sagt vielmehr: Jedes Volk, das sich in eine blutige Geschichte verstrickte, kriegt die Chance zu einem neuen Anfang, mitten in der Eskalation des Bösen.
Nochmals Namen: Noah, Sem, Ham, Japhet
An den Namen der Söhne Noahs soll diese Beobachtung verdeutlicht werden. Die Tradition um (hebr.) Noah, Ruhe, Ruhebringer, nimmt einen breiten Raum in der Urgeschichte ein (Gen 6,5-9.29). Noah lebt unsträflich vor Gott (Gen 6,9). Wegen seines gerechten und frommen Lebenswandels, wird er mit seiner Familie, alle drei Söhne, aus der Sintflut, der Großen Flut, gerettet (vgl. auch Hes 12,2-14). Noah wird damit zum Vater einer neuen Menschheit. Als deren Ahnherrn schließt Gott mit ihm einen Bund, dessen Zeichen der Regenbogen wird (Gen 1,1-17). Der erste der Söhne Noahs heißt (hebr.) Sem, was Zeichen, aber auch Namen heißt. Also, dieser Sohn Noahs, dessen Name Name heißt, wird zu einem Zeichen der Treue Gottes zum Menschen, wird zum späteren Ausrufer des Gottesnamens Jahwe auf Erden. Nicht nur wird eine große Menschheitsgruppe nach ihm benannt. Dieser Menschheitsgruppe offenbart sich auch der Völker rettende und Menschen befreiende Gott Jahwe. Den Semiten wird in Abraham (Gen 12,1ff.) der Name Gottes, Jahwe, anvertraut. Aus dem Sem-Geschlecht wachsen der Erste und der Zweite Bund. Ein weiter Sohn Noahs heißt Ham (Gen 5,32; 6,9), Stammvater der nordafrikanischen und südarabischen Völker (Gen 10,6-20). Später wird vor allem Ägypten mit Ham identifiziert (Ps 78,51). Zu allem Überfluss heißt (hebr.) Ham Süden, auch: warm (!). Wenn man bedenkt, dass nach neuer Forschung der homo sapiens aus Afrika kommt....! Und noch eine Spielerei: Die Bezeichnung (lat.) homo, der Mensch, ist doch verdächtig nahe an der Namensbezeichnung Ham dran, oder? Der dritte Sohn Noahs, Jafet, dessen Name von (hebr.) fatach, sich aufbreiten abgeleitet wird (Gen 9,27), gilt als der Ahnherr der Völker Kleinasiens, Mediens, und der Ägäis, bis hin nach Iberien, was in der Völkertafel breit entfaltet wird (Gen 10,2-5). Auch hier eine Merkwürdigkeit in einer Weissagung Noahs: „Raum schaffe Jahwe dem Jafet. Er soll in den Zelten Sems wohne. Kanaan aber sei hm untertan!“ (Gen 9,27). Diese Hinweise, die sowohl in der Völkertafel wie in der überlieferten Noah-Tradition zu finden sind, zeigen an: Es ist falsch, mit Klischees zu arbeiten: Die Franzosen, die Russen, die Serben, die islamischen Fundamentalisten usw. Die Stammbäume und Völkerlisten der Urgeschichte zeigen, wie der Bundesschluss mit Noah und die nachfolgenden Bundesschlüsse den erbarmenden Gott offenbart, so wird der Zukunft der erneuerte Mensch geschenkt, wie die zur Liebe erneuerte Menschheit und ihre Geschichte im Menschensohn, im (aram.) barnascha, Menschensohn Jesus, einen neuen Weg finden wird.
Spielereien mit einem Text der Urgeschichte (Gen 11,1-9)
Der Turmbau, eigene Übersetzung
  1. Es hatte die ganze Welt nur eine Sprache und einen Wortschatz.
  2. Als die Menschen im Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear, und sie ließen sich dort nieder, im Land der Sumerer.
  3. Sie redeten aufeinander ein: „Nur zu, wir wollen Ziegel formen und sie hart brennen!“ Anschließend benutzten sie Ziegel als Baustein, Asphalt als Mörtel.
  4. Sie schlugen vor: „Nur zu, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. So wollen wir uns einen Namen machen und ein Denkmal setzen, damit wir uns nie mehr über die ganze Erde zerstreuen“.
  5. Da stieg Gott hernieder, um die Stadt zu beschauen, und den Turm, den die Menschen gebaut hatten.
  6. Gott meinte: „Siehe, sie sind ein Volk und sprechen eine Sprache. Und das ist erst der Anfang all ihrer Unternehmungen. Ab jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein, was sie sich auch vornehmen.
  7. Nur zu, lasst uns hinabfahren. Ich will ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht“.
  8. Also zerstreute Gott die Menschen von dort über die ganze Erde. Und sie bauten die Stadt nicht mehr weiter.
  9. Darum heißt diese Stadt Babel, auf Hebräisch Verwirrung, weil Gott dort die Sprache der Menschheit verwirrte und die Menschheit über die ganze Erde zerstreute.
Der Turmbau, Übersetzung der Lutherbibel, gültige Fassung
  1. Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
  2. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar, und wohnten daselbst.
  3. Und sprachen untereinander: Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und brennen und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
  4. und sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
  5. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
  6. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist erst der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
  7. Wohlauf, lasst uns hernieder fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache versteht.
  8. So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.
  9. Daher heißt ihr Namen Babel, da der HERR dort verwirrt hat aller Länder Sprachen und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.
Es gab auf dieser Erde, Turmbaulied von Dieter Stork
1. Es gab auf dieser Erde nur eine Sprach und Rede,
Fast immer herrschte Frieden, fast nie gab's eine Fehde.
Es lebten viele Menschen, die sich sehr gut verstanden,
weil alle zueinander, zur großen Freundschaft fanden.
Doch dann hieß es auf Erden:" Wir Menschen sind viel stärker
als so die Leute glauben. Kommt her, alle Handwerker,
und lasst den Turm uns bauen. Der Turm, der wird hoch reichen,
bis in den Himmel, höher! Der Turm wird unser Zeichen!
2. Der Turm wird allen sagen: Wir Menschen sind doch mächtig!
Kommt her, ihr Ingenieure, baut diesen Turm stolz, prächtig!
Der Turm soll riesig wachsen. Er soll es uns beweisen,
dass wir zum Mond, zu Sternen und in das Weltall reisen".
Sie fangen an zu bauen, und brennen ihre Ziegel.
"Der Turm, die Stadt", so schrein sie, "die Turmstadt wird zum Siegel,
dass wir die Welt bezwingen - und alles, alles können!
Ja, ja wir Menschen wollen uns nur das Größte gönnen:
3. Die Macht, den Turm zu bauen, die Macht, zu unterdrücken:
Der eine gibt Befehle, der andre muss sich bücken!
Der eine, er muss schuften und muss die Ziegel schleppen.
Naja, die Schwitzarbeiten, die sind was für die Deppen!
Der eine hält sich Sklaven, will selber faul verduften,
der zweite nimmt sich Urlaub, derweil die andern schuften.
Der dritten baut Maschinen, der vierte baut die Waffen!
Das wird jetzt Kriege geben, die Schwachen abzuschaffen!"
4. Ja so, ja so wird wachsen der Menschen Macht und Schande.
Sie sind die schlimmsten Wesen, die ganze Menschheitsbande!
Sie baun den Turm zu Babel, das soll ein Denkmal werden,
daß alle Leute staunen. Doch was ist los auf Erden?
Nun ja, da unten wimmelt’s. Jetzt gibt’s die Grundsteinlegung.
Die Menschen wirbeln, sausen, sind rasend in Bewegung.
Die schwitzen und sie schuften. Sie schuften und sie schwitzen.
Nie kommt ein Mensch zur Ruhe, nie kann er stille sitzen.
5. Als Gott im Himmel hörte, was da die Menschen machen,
guckt er kopfschüttelnd nieder und fängt gleich an zu lachen.
Er sieht den Turm, den kleinen, und muss sich tüchtig bücken,
den Menschheitsturm zu schauen, es will ihm fast nicht glücken.
Denn klein ist dieses Türmchen, Gott muss sich doll anstrengen.
Er kann ihn kaum entdecken, den Turm, den kleinen, engen.
"Ach, diese dummen Menschen", sagt Gott nun zu sich selber,
sie laufen, hier ein Schwarzer, ein Roter, Weißer, Gelber!"
6. Sie laufen durcheinander. Sie laufen um die Erde,
und plötzlich hat ein jeder so seine Sprachbeschwerde!
Der eine sagt "Taküle", der zweite "Ürzmürücke!"
Der dritte "Hallo Fellow", der vierte "Mach 'ne Mücke!"
Sie quatschen durcheinander. Wer kann das noch verstehen?
Und alle Schuftbefehle sieht man ins Leere gehen.
"Die Kelle her, die Ziegel!"  schrein hundertacht Poliere.
"Verstehe nix und gar nix, du sprichst, ich nix kapiere!"
7. Gott steigt vom Himmel nieder, die Sprache zu verwirren!
"Nein, nein", sagt Gott, der große, "die Göttermenschen irren.
Ich muss sie etwas ducken und ihnen Grenzen zeigen.
Sonst wird die Stadtbaumasche ihnen zu Kopfe steigen!
Damit der Mensch vor Größe nicht wahnsinnssüchtig werde
und wirft dann durcheinander den Himmel und die Erde,
muss ich die eine Sprache, die ich für sie geschaffen,
vermischen und verwirren. Sie solln es nicht mehr raffen!
8. Sie sollen nicht verstehen, was ich mit dir nun rede,
und so kommt's durcheinander. Hier spricht ein alter Schwede,
dort quatscht ein deutscher Junge, dort singt ein Russenmädchen,
hier tanzt ein Bengalese, dort hat ein Türk sein Lädchen.
Hier schafft eine Chinesin, dort arbeitet ein Däne,
was meint ihr, nun ihr Leute, wen ich sonst noch erwähne?
Das sind ja tausend Völker, und abertausend Leute,
sie quatschen durcheinander, die ganze Menschheitsmeute!
9. Und jeder fürchtet jeden, weil sie sich stark misstrauen.
Ach, hörten alle Leute doch auf, den Turm zu bauen,
den Turm von ihrer Größe, dass welche oben stehen
und alle Kleinen unten im Hungerdreck nur gehen!
Sie fliehen voreinander, Krakehl und Angstgewimmer.
Ja, wird der Größenwahnsinn jetzt schlimmer, immer schlimmer?
Ach Gott, schick uns ein Neues, dass alle neu vertrauen,
und statt des Todesturmes das Haus des Lebens bauen.
10. Dass alle Menschheitskinder neu zueinander finden
und sich die Hände reichen und freundlich sich verbinden,
dass sie die eine Sprache der Liebe wieder lernen,
und hier die Freundschaft suchen - und nicht in Himmelssternen!
"Hau ab, du Kümmeltürke!" soll nie ein Mensch mehr brüllen!
Nie sollst du zetern "Nigger, ich werde dich zerknüllen!"
Nie sollst du keifen "Russe!", gröl nie mehr "Du Kanake!
Ich mache dich jetzt fertig, du hast doch eine Macke!" 
11. Gott will, dass alle Menschen die eine Menschheit bilden.
Da gibt es keine Sklaven und keine dummen Wilden.
Da gibt es nur noch Menschen, die sich einander achten,
nach Ehrfurcht vor dem Leben in ihren Herzen trachten.
Wir werden Häuser bauen des Friedens und der Treue,
Bescheidenheit soll wachsen, gleich jeden Tag aufs Neue!
Wir sollen uns versöhnen und alte Schuld verzeihen,
dass Frieden, Freundschaft, Wohlstand am Menschheitsbaum gedeihen!
© Dieter Stork, Klusstr. 93, 32257 Bünde, Tel. 05223-490943

Thesen zur Turmgeschichte (Gen 11,1-9), zum Turmlied, zur Menschheitslage heute
  1. Der biblische Erzähler berichtet von der Einheit und Identität der Menschen (11,1f.). So erzählt das Turmlied nach (Turmbaulied, Vers 1a).
  2. Die Identität des Menschen und die Einheit der Menschheit gehen verloren: Der Mensch will sich selbst in einem Bauwerk überhöhen, sich selbst einen Namen machen. Er will seine Macht und Größe bewusst demonstrieren, nicht etwa, indem er seine soziale oder demokratische Verantwortung wahrnähme und entwickelte, im Gegenteil: Das Monumentalbauvorhaben erschüttert das bisherige soziale Gefüge, verschiebt Verantwortungen, legt neue Lasten und Bindungen auf und engt die Menschheit in ihrer Freiheit ein. In Hinblick auf das gigantische Vorhaben muss alles andere zurückstehen, vor allem der Mensch, sein vertrauensvolles Leben, seine kreativen Möglichkeiten. Die Vollendung des Bauwerks wird wichtiger, stellt den Menschen und sein Glück in den Schatten (Turmlied, Verse 1b und 2a).
  3. Beim Turmbau werden die gleichen Materialien verwendet wie sie die versklavten Hebräer beim Bau der Städte Pitom und Ramses verwenden müssen, Lehmziegel und Asphalt. Die Ziegelbrennerei gilt dem Erzähler als Synonym für Unterdrückung. Was den Hebräern in Ägypten widerfuhr, ihr Versklavung und Vernichtung, geschieht vorlaufend der gesamten Menschheit (11,3; vgl. Ex 1,14; 5,7.8.16, Turmlied, Vers 2b und 3a). Für den Erzähler ist klar, was sich auch im Turmlied spiegelt: Dieser Turmbau zwingt die Menschen in neue hierarchische Verhältnisse. Der Turm, der den Fortschritt symbolisieren soll, bringt in sozialer Hinsicht den Rückschritt, Technisierung contra Humanisierung!
  4. Der Turm soll zum Zeichen werden: Die Menschheit ist geeint und bleibt fest beieinander (11,4; Turmlied, Verse 2a und b). Das Gegenteil passiert. Es entstehen Hierarchien, Ausbeutungssysteme, organisierte Unterdrückung (Turmlied, Verse 3 und 4). Es ist von Anfang an deutlich: Das Großvorhaben, das eine organisierte Anstrengung erfordert, organisiert zugleich die Unterwerfung der einen durch die anderen mit. Die Großen unterwerfen und unterdrücken die Kleinen (Intention im Text: 11, 3 und 5; Turmlied, Vers 4).
  5. Das Ziel des Turmbaus wird von Gott klar erkannt: Selbstmonumentierung des Menschen, Dokumentation menschlicher Größe. Der Turm symbolisiert die Selbstvergötzung und Selbstverherrlichung des Menschen. Der Erzähler bringt die Zielsetzung auf den Punkt: „Dies ist erst der Anfang ihres Tuns!“ Der Turmbau wird  als weiterer Sündenfall, nach den vielen anderen, charakterisiert. Freilich berichtet der Erzähler, Gott habe herabsteigen müssen, um überhaupt den Turm zu Gesicht zu bekommen, eine feine Ironie (11,6f.; Turmlied, Verse 4 und 5a).
  6. Die Sprachverwirrung meint nicht einfach magisch-göttliche Einwirkung, obwohl vordergründig so erzählt wird (11,6f.; Turmlied, Verse 5 und 6). Psychologisch gesehen, ist dieses Durcheinanderwirbeln, abgeleitet von hebr. babal, durcheinanderwerfen, eine Folge menschlichen Größenwahns: Die Menschheit soll krampfhaft und mit Gewalt beieinander gehalten werden.
  7. Die Mittel sind Unterdrückung durch Arbeit und Einordnung in eine sich immer mehr aufbauende Hierarchie. Die Arbeitsanstrengungen eskalieren. Diese Anstrengung macht nur dann Sinn, wenn die Arbeit umfassend und exakt organisiert wird. Bei einem so voluminösen Vorhaben wird der Aufbau von Großunternehmen technisch und organisatorisch unumgänglich. Gewaltige Hierarchien, globale Industrien entstehen. Es kommt zur Anballung von Macht, und als Folge zu erbärmlichen Unterdrückungen. Mit einem Wort, der Kapitalismus baut seine Strategien aus (11,4, Turmlied vor allem Verse 4 und 5).
  8. Diese Entwicklung hat das Gegenteil dessen zur Folge, was bewirkt werden soll. Statt der angestrebten Einheit kommt es zum Auseinanderstreben der einzelnen Menschheitsteile, zur Revolte, ja, zur Revolution. Die Flucht der Menschheit aus der Turmstadt beginnt (11,6-8; Turmlied, Verse 6 und 7).
  9. Nochmals, die Herausforderung führt zur Organisation der multinationalen, globalen Anstrengung. Diese erzeugt Angst, Misstrauen, Hass. Darum verstehen sich die Menschen nicht mehr. Die Sprachenverwirrung ist nur Ausdruck einer globalen Angst des einen vor dem anderen. Daraus folgen Kriege, Revolutionen, der Kampf aller gegen alle. Für diese Entwicklung steht die Sprachenverwirrung, ein Symbol (11, 5-9, Turmlied Verse 5 bis 9).
  10. Erzählung (11,8f.) und Turmlied (Verse 8 und 9) schildern, was aus der Sprachenverwirrung folgt: Das Lied stellt die Aufteilung der Menschheit in Kulturen und Sprachräume am Beispiel einiger Nationen dar. Die Vielfalt der Völker, die ja durchaus Sympathie findet, weil sie sich interessant, bunt, verschieden vorstellt, führt unter der Voraussetzung der Angst und des Misstrauens zur Spannung (11, 8; Turmlied, Vers 8): Die Turmstadt wird nicht weitergebaut, die Einheit der Menschheit zerfällt. Dieser Zerfall hat weiteres Nichtverstehen und Misstrauen zur Folge. Hass, Neid, Angst und Krieg sind die weiteren Entwicklungsstufen (Turmlied, Vers 9), was der Erzähler nicht weiter beschreibt. Er lässt es bei der Sprachenverwirrung bewenden (11,9).
  11. Das Turmlied führt weiter. Das Sprachenwunder der Pfingstgeschichte (Apg 2,1ff.) und die Völkervereinigung, im AT so häufig beschrieben, in der Apokalypse als sich vollendend vorgestellt (Jes 56,1-8; 60,1-22; Apk 7,9ff.) verändern das Bild von der Verwirrung und Trennung der Menschheit. Babel, Zeichen der Verwirrung, erhält ein Pendant, eine Gegenstadt, ein Gegenziel. Die Menschheit darf und soll an der Wiederherstellung ihrer Identität und Einheit arbeiten. Die Menschen dürfen hoffen und ausprobieren, daß die Sprachenverwirrung und die Folgen aus ihr aufgehoben werden.
  12. Die Aufhebung der Sprachenverwirrung macht aber erst dann Sinn, wenn Liebe den Hass aufhebt, Angst und Misstrauen durch Vertrauen und Zuneigung überwunden werden, die Versöhnung das zugefügte Leid vergibt. Das Turmlied mündet in eine Vision der befriedeten und geeinten Menschheit ein. Geeint wird die Menschheit nicht, weil etwa eine Weltmacht die Ordnung herstellte und mit Gewalt für Frieden sorgte (Pax Romana, Pax Americana), sondern weil die Idee der Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer) in allen Menschenherzen wächst (Turmlied, Verse 10 und 11).
  13. Der Weg, den anderen zu suchen, auch, wenn er anders ist als ich, auch wenn er einen anderen Glauben, eine andere Sprache, eine andere Kultur hat als ich, diesen Weg zu suchen, heißt: die Ehrfurcht vor dem Anderen, vor dem Fremden, vor dem Ausländer und Andersfarbigen zu entdecken und auszuleben (Turmlied, Vers 10).
  14. Dieser Achtungs- und Verständigungsprozess, immer wieder eingeübt, baut eine Grundhaltung auf, sich einander in Liebe und Treue, in Vertrauen und Sanftmut zu begegnen, anstatt gleich zu schreien, zu drohen und zu schießen. In der sich neu anbahnenden Verständigung liegt die ganze Hoffnung (Apg 2,1ff., Turmlied, Vers 9 und 10).
Uz
Heimatland des Hiob, Lage unbekannt (Hi 1,1), höchstwahrscheinlich östlich von Israel, also im Aramäer- oder Edomitergebiet. Freilich heißt der Wortstamm des zugrundeliegenden Verbs, das aus den drei hebr. Buchstaben Ajin–Wau-Zadek gebildet wird, „raten“. Ja, raten muss man, herumraten, ratlos werden,. wenn man schlauerweise Gottes Gerechtigkeit aus der Natur oder dem eigenen Leben ablesen möchte.  
Ø    29.01. Hiob, eine Legende
    
Volkstrauertag
Ø    24.04. Bergrede, bis 10.05. Was du nicht willst....!
    
Vugata
Vom Tridentinum für authentisch erklärt
Lat. Editatio vulgata, die allgemein verbreitete Ausgabe der Bibel, seit dem Mittelalter in der Kirche mehr und mehr gebräuchlich. Das Konzil von Trient erklärte sie im Rahmen der Gegenreformation für authentisch. Das heißt, sie wurde zur Grundlagenbibel der zeitgenössischen Römischen Dogmatik gemacht, die der Heilige Geist inspiriert habe.
Hieronymus
Hieronymus (gest. 420 n. Chr.) war vom Römischen Bischof Damasus (366-384 n. Chr.) beauftragt worden, eine gereinigte Übersetzung zu aus dem Gr. ins Lat. zu schaffen. Er erkannte, dass es nicht genüge, aus der > LXX ins Lat. zu übertragen. Er zog sich in ein Kloster in Bethlehem zurück, knüpfte Beziehungen zu jüdischen Rabbinern und begann so fürs Erste Testament eine Übertragung aus dem Hebr. Diese Übertragung wurde 405 vollendet. In Bezug aufs Zweite Testament war Hieronymus zurückhaltend. Er übernahm viele Übersetzungen, wie sie bereits umliefen, inklusive deren Übertragungs- bzw. Übersetzungsfehler.
Durch die moderne Exegese überholt
Das Werk des Hieronymus, für seine Zeit wegweisend, ist durch die Arbeit der Reformatoren und der modernen exegetischen Forschung überholt. Die Textkritik des Ersten und Zweiten Testaments, wie sie ab dem 18. Jahrhundert betrieben wurde, hat Enormes geleistet und beschert uns eine große Genauigkeit der biblischen Urtexte.